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Leistungsdruck im Sattel: Studie zu Selbstzweifeln

von Michelle Breitenfeld

Die Studie im Detail: Das steckt hinter den Zahlen

Wie stark die eigene Psyche unser Verhalten im Sattel beeinflusst, war wissenschaftlich lange Zeit kaum erforscht. Um diese Lücke zu schließen, führte die Wissenschaftlerin Prof. Dr. Manuela Kesselmann eine Befragung unter Reiterinnen und Reitern durch. Insgesamt 484 Personen ab 16 Jahren füllten den Fragebogen vollständig aus, wobei die Stichprobe zu 98 Prozent weiblich und zu 2 Prozent männlich war. Das Teilnehmerfeld setzte sich überwiegend aus Freizeitreitern zusammen, die 76 Prozent ausmachten, während 20 Prozent im Turniersport aktiv waren und zwei Prozent zu den Berufsreitern zählten.

An praktischer Erfahrung fehlte es der Studiengruppe keineswegs. 86 Prozent der Befragten gaben an, seit mehr als zehn Jahren aktiv zu reiten und mit Pferden umzugehen, während weitere acht Prozent auf eine Erfahrung zwischen sechs und zehn Jahren blickten. Zudem zeigte sich eine sehr hohe Bereitschaft zur eigenen Weiterentwicklung. 98 Prozent der Teilnehmer informieren sich regelmäßig über Fachbücher, Kurse, Social Media oder Online Tutorials. Beim Reitunterricht ergab sich hingegen ein sehr verteiltes Bild. 24 Prozent der Befragten nehmen ein bis zwei Mal pro Woche Unterricht. Mit 34 Prozent lässt sich der größte Teil ein bis zwei Mal im Monat von einem Reitlehrer begleiten. 16 Prozent nutzen ein bis sechs Mal im Jahr gezielte Trainingseinheiten und 26 Prozent nehmen überhaupt keinen Reitunterricht.

Im Mittelpunkt der Untersuchung standen Persönlichkeitsmerkmale wie das Selbstwertgefühl, die Empathiefähigkeit und die eigene Veränderungsbereitschaft. Gleichzeitig beantworteten die Teilnehmenden Fragen zu ihrem konkreten Reitstil im Alltag. Die Forscherin wollte herausfinden, ob im Training Losgelassenheit und Verständnis dominieren oder ob Reiter eher zu Druckmitteln und Machtdemonstrationen greifen, sobald Probleme auftauchen.

Wie dein Selbstwertgefühl über die Beziehung zum Pferd entscheidet

Nach der Auswertung aller Daten zeigte sich ein überaus deutlicher roter Faden. Wie fair wir mit unserem Pferd umgehen, ist weniger eine Frage des reinen Reitkönnens. Es hängt vielmehr maßgeblich von unserer eigenen inneren Haltung ab.

Reiter mit einem starken Selbstwertgefühl greifen im Alltag eher auf fundiertes Fachwissen zurück und verzichten weitgehend auf Dominanzverhalten. Sie beschreiben die Verbindung zu ihrem Tier als besonders harmonisch. Wer hingegen mit tiefen Selbstzweifeln kämpft, neigt in kniffligen Situationen schneller dazu, eine strikte Chef-Rolle einzunehmen und Fehler mit Druck zu korrigieren. Ein besonders wertvoller Faktor für pferdegerechtes Reiten ist zudem die Grundeinstellung zum Tier. Menschen, die ihr Pferd bewusst als Kraftquelle und positive Ressource wahrnehmen, behandeln es nachweislich rücksichtsvoller.

Für Erstaunen sorgte vor allem der direkte Vergleich der Gruppen. Ausgerechnet die Freizeitreiter wiesen in der Auswertung ein spürbar höheres Selbstwertgefühl auf als Amateur- und Profi-Turnierreiter. Dementsprechend bewerteten sie auch die Beziehung zu ihrem Pferd im Schnitt als deutlich positiver.

Warum haben Freizeitreiter ein höheres Selbstwertgefühl?

Dass Freizeitreiter in der Studie ihr Selbstwertgefühl höher einschätzten als Turnierreiter, hat klare Ursachen in den Bedingungen des Leistungssports. Auf Turnieren steht das Reiten im Fokus einer öffentlichen und sozialen Bewertung. Die Reitenden vergleichen sich ständig mit der Konkurrenz, stellen hohe Erwartungen an sich und richten ihren Blick stark auf Fehler. Werden diese Erwartungen nicht erfüllt, führt das schnell dazu, dass sich Sportler weniger kompetent fühlen und ihr Selbstwert leidet.

Ehrgeiz wird vor allem dann problematisch, wenn er direkt an den eigenen Selbstwert gekoppelt ist. Wer fixiert auf reine Leistungsziele ist, empfindet verpatzte Lektionen oder Abwürfe als Frust. In solchen Momenten kreist der Reiter nur noch um sich selbst und verliert die Bedürfnisse des Pferdes aus den Augen. Bei Freizeitreitern stehen dagegen der Spaß und die Freude an der gemeinsamen Entwicklung im Vordergrund. Das stärkt die intrinsische Motivation, fördert das Gefühl von Eigenständigkeit sowie eigener Kompetenz und nimmt Fehlern sofort den Frust.

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Manchmal verbeißen wir uns im Training so sehr in Details, dass vor lauter Korrigieren der Spaß komplett auf der Strecke bleibt. Mir hilft es enorm, in solchen Augenblicken kurz innezuhalten und den Erwartungsdruck abzulegen. Sobald die Lockerheit zurück ist, klappt die Übung meist ganz wie von selbst.

Michelle
Redakteurin bei ehorses

Eine ältere Frau mit blondem Pferdeschwanz in einer blauen Jacke striegelt liebevoll die Mähne eines braunen Pferdes mit einer weißen Blesse. Das Pferd steht in einem Stallgang und schaut zur Kamera. Sie massiert den Hals und benutzt eine Bürste.

Der Weg aus der Frust-Falle: Was Reiter und Trainer tun können

Unfaires Verhalten gegenüber dem Pferd entsteht selten aus Unwissenheit, sondern ist meist eine Frage der emotionalen Selbstregulation. Da sich das Selbstwertgefühl gezielt stärken lässt, bietet die Studie konkrete Lösungsansätze für die Praxis.

Tipps für Reiter

  • Den gemeinsamen Trainingsweg in den Vordergrund stellen: Definiere deinen Erfolg über eigene Trainingsziele wie feine Hilfen oder die Losgelassenheit deines Pferdes. Das macht dich unabhängig von Noten und Schleifen.

  • Fokus auf den eigenen Fortschritt legen: Nimm eigene Unsicherheiten bewusst wahr und vergleiche dich nicht mit anderen im Stall oder auf dem Turnier.

  • Sich nicht selbst abwerten: Sieh Patzer nicht als Versagen, sondern sei stolz auf das, was du bereits mit deinem Pferd erreicht hast.

  • Mentaltraining für mehr Gelassenheit und Freude: Arbeite gezielt an Frust und Nervosität. Mehr Lachen und Lockerheit im Sattel schützen die Beziehung zum Pferd.

Tipps für Ausbilder

  • Korrekturen emotional einrahmen: Anweisungen sollten nicht rein technisch bleiben. Schaffe ein Lernklima, in dem Fehler als wichtige Lernsignale statt als Versagen zählen.

  • Unfaires Verhalten unterbinden und hinterfragen: Schreite bei Druckmitteln sofort ein und hilf deinem Schüler durch gezieltes Nachfragen bei der Selbstreflexion.

  • Die richtigen Fragen stellen: Nutze Reflexionsfragen wie „Was wolltest du gerade erreichen?“ oder „Was hat dich unter Druck gesetzt?“, um das Bewusstsein für die eigene Haltung zu schärfen.

 

Quelle: www.cavallo.de

Fragen & Antworten

Laut der Studie äußert sich ein geringer Selbstwert oft in dominantem Verhalten gegenüber dem Pferd. Reiter mit Selbstzweifeln können schlechter mit Fehlern umgehen, empfinden diese als persönliches Versagen und reagieren auf Widersetzlichkeiten des Pferdes häufiger mit Frust und Druckmitteln statt mit Verständnis.

Die Forscherin definierte pferdegerechtes Reiten nach den FN-Richtlinien. Im Kern geht es dabei um zwei Faktoren: Die Losgelassenheit als Basis jeder Ausbildung und die Grundregel, dass der Reiter auf Fehler oder Widersetzlichkeiten des Pferdes nicht mit Gewalt, sondern mit fundiertem Fachwissen und Verständnis reagiert.

Nein. Leistungsorientierte Menschen sind keine schlechteren Partner für ihr Pferd. Problematisch wird es erst, wenn der Ehrgeiz untrennbar an das Selbstwertgefühl des Reiters geknüpft ist. Wer mental stark ist und den Turniersport mit Freude und Teamgeist angeht, kann absolut pferdegerecht und fair im Sport unterwegs sein.

Nein, überhaupt nicht. Es geht nicht darum, Turniere zu verteufeln, sondern die eigene Motivation zu hinterfragen. Wer Erfolge nicht als Bestätigung des eigenen Selbstwerts braucht, sondern den Wettkampf als gemeinsamen Test mit dem Pferd sieht, kann auch auf dem Platz absolut fair und entspannt bleiben.

Am besten sofort durchatmen: Die Zügel lang lassen, tief ausatmen und die Übung kurz abbrechen. Ein Neustart im Schritt oder eine einfache Aufgabe, die sicher klappt, holt die Anspannung bei dir und deinem Pferd sofort wieder heraus.

Achte darauf, wie du auf Fehler reagierst. Wirst du innerlich wütend, weil eine Übung nicht klappt oder von außen schlecht aussehen könnte, schiebt sich das Ego in den Vordergrund. Bleibst du fair, fragst du dich stattdessen sachlich: Hat mein Pferd meine Hilfe überhaupt verstanden?

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