Home PferdewissenStallgeflüsterEr begleitet Pferde auf dem letzten Weg, wenn Besitzer es nicht können

Er begleitet Pferde auf dem letzten Weg, wenn Besitzer es nicht können

von Michelle Breitenfeld

Der Abschied vom Liebling auf vier Hufen ist schwer – und in diesen Momente ist Hans-Peter Venjacob für die Besitzer da. Er übernimmt die letzte Fahrt und begleitet Pferde bis zum letzten Atemzug, wenn es die Halter nicht können – oder wollen.

Es gibt Momente, die das Leben verändern. Bei Hans-Peter Venjacob kam er vor elf Jahren. „Ich hatte 30 Jahre als Fernfahrer und später als Leiter des Fuhrparks bei einer Firma gearbeitet, oft 18 Stunden am Tag. Dann hatte ich ein Burn-out, nichts ging mehr“, erinnert er sich. In dieser Zeit ist seine Familie für ihn da – und seine drei Haflinger. „Sie haben mir Halt gegeben.“

Pferde gehörten für ihn immer zum Leben dazu, Kutsche fahren ist seine Leidenschaft. „In dieser schlimmen Zeit stellte ich mir damals die Frage: Was mache ich, wenn eins meiner Pferde leidet und erlöst werden muss?“

„Pferde zu erlösen ist der letzte Liebesdienst“

Ihm wird klar, dass es eine schwere Entscheidung ist. „Aber es ist gleichzeitig auch der letzte Liebesdienst, den wir unseren Pferden erweisen können. Denn wir haben die Möglichkeit es zu erlösen, wenn es sich nur noch quält. Mir wurde auch bewusst: Ich will dann bei meinen Pferden sein – bis zum letzten Atemzug.“ Doch genau dies kann nicht jeder Besitzer.

Hans-Peter Venjacob: „Abschied nehmen ist sehr individuell. Bei einem Gespräch mit meinem Schmied habe ich erfahren, wie schwer es anderen Pferdebesitzern fällt, ihr Tier dem Schlachter zu übergeben oder es beim Einschläfern beim Tierarzt allein zu lassen. Diese brauchen Menschen dabei Hilfe. Die wollte ich ihnen geben.“

trauriges Pferd im Wald
Foto: Envato Elements (Symbolfoto)

Und so gründet er vor neun Jahren „Chut Chon“ – einen Abschiedsservice für Pferde. „Chut Cho ist westfälisches Platt und heißt übersetzt gut gehen“, erklärt Hans-Peter Venjacob. „Mein Großvater hat es jeden Abend, wenn er zu Bett gegangen ist, zu uns gesagt.“

Abschiedsservice für Pferde hilft bei der Trauerarbeit

Und gut gehen – das will er Pferden und ihren Besitzern ermöglichen. „In diesen schwierigen Momenten da sein – dass ist wichtig. In gewisser Weise helfe ich bei der Trauerarbeit.“

Natürlich nicht im schwarzen Anzug, aber mit ganzem Herzen. „Wenn ich angerufen werde, haben die Pferdebesitzer die schwerste Entscheidung bereits getroffen: Sie wollen ihren Liebling gehen lassen. Und wissen jetzt nicht wie. Ich kann aufzeigen, welche Möglichkeiten sie haben.“ Schwierig sei die Entscheidung, ob das Pferd zum Schlachter soll oder vom Tierarzt eingeschläfert wird. „Schlachter – das klingt für viele blutig und brutal. Aber es ist der schnellste Tod, die Pferde leiden nicht, kämpfen nicht mehr.“

Besitzer nehmen Abschied vom Pferd
Foto: Envato Elements (Symbolfoto)

Egal, wie sich die Pferdebesitzer entscheiden: Hans-Peter Venjacob ist wichtig, dass die Pferde keine langen Wege mehr vor sich haben. Und dass die letzte Fahrt so angenehm wie möglich ist. „Ich habe einen Pferdeanhänger mit Kamera, damit ich immer sehen kann, ob es ihnen während der Fahrt gut geht.“ Und er arbeitet mit drei Tierärzten in Gütersloh zusammen. „Dadurch ist die Fahrt so kurz wie möglich.“

Vor allem Frauen nutzen die Sterbebegleitung für ihr Pferd

Meist sind es Frauen, die ihn beauftragen. „Männer denken oft, dass sie es ganz alleine schaffen.“ Davon ist er jedoch nicht überzeugt. „Wer sein Pferd liebt, ist dann in einer Ausnahmesituation. Die fällt niemanden leicht.“ Deshalb geht er auf die Wünsche seiner Kunden ein: „Einige möchten dabei sein, wenn ihr Pferd geht. Dann fahren wir zusammen. Aber die meisten schaffen es nicht, möchten aber ihr Pferd nicht alleine lassen. Dafür bin ich dann da.“ Er gibt Kraft – und Sicherheit. „Eine Kundin von mir hatte ihr erstes Pferd einem Schlachter gegeben. Ein halbes Jahr später sah sie dieses Pferd auf einem Turnier. Es war schrecklich für sie, weil sie wusste, wie sehr ihr Pferd leidet, wenn es geritten wird. Das wollte sie nie wieder erleben.“

„Auch Pferde haben einen würde- und respektvollen Abschied verdient.“

Manchmal arbeitet er auch auf Wunsch seiner Kunden mit einem Krematorium in den Niederlanden zusammen. „Dann organisiere ich den Transport und kümmere mich darum, dass die Asche zurückkommt.“ Mehr kann er nicht leisten – die Gesetze verbieten es: „In Deutschland dürfen Haustiere beerdigt werden. Pferde gelten jedoch als Nutztiere. Und da ist es gesetzlich geregelt, dass sie, wenn sie tot sind, nicht mehr ihrem ehemaligen Besitzer gehören, sondern die Tierkörperbeseitigungsanstalt ein Anrecht auf sie hat.“ Für Hans-Peter Venjacob unverständlich: „Auch Pferde haben einen würde- und respektvollen Abschied verdient.“

Leben kann er von diesem Dienst, der einzigartig in Deutschland ist, nicht. Hauptberuflich hat sich Hans-Peter Verjohan auf den Transport von Blumen und Pflanzen spezialisiert. Doch „Chut Chon“ ist seine Herzensangelegenheit, die er mit Leidenschaft und Überzeugung betreibt.

Was ihm Kraft gibt? „Ich war in meinen schwersten Stunden nicht allein. Jetzt möchte ich für andere da sein…“

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