Es ist ein Klischee, das sich in Form des Begriffs „Stutenbissigkeit“ auch außerhalb des Reiterkosmos hartnäckig hält: Stuten sind schwieriger als Wallache. Eine neue Studie zeigt nun allerdings, dass das nicht stimmt – ganz im Gegenteil sogar.
Hand aufs Herz: Hattest Du bislang auch Vorurteile gegenüber Stuten? Hältst Du sie in einigen Bereichen für schwieriger, ja… zickiger? Wallache dagegen genießen oft den Ruf, zuverlässig und unkompliziert zu sein.
Neue Studienergebnisse dürften die bisherige Sichtweise allerdings herausfordern: Eine Studie von Forschern aus Australien und Neuseeland ergab nämlich, dass Wallache sogar mehr unerwünschtes Verhalten als Stuten zeigen. Mehr als 1.200 Reiterinnen und Reiter mit ihren Pferden nahmen an der Untersuchung teil.
Die Teilnehmenden füllten dazu einen Fragebogen mit mehr als 300 Fragen zu sich und ihren Pferden aus. Dabei wurden unterschiedliche Themen abgedeckt, sodass die Teilnehmenden nicht wussten, dass die Forscher an dem geschlechtsspezifischen Verhalten der Pferde interessiert waren.
Wallache sind im Umgang schwieriger als Stuten
Für ihre Auswertung konzentrierten die Wissenschaftler sich dann auf nur etwa 150 Fragen zum Verhalten der Pferde im Umgang und beim Reiten. So sollten die Befragten unter anderem bewerten, wie häufig ihre Tiere vor unbekannten Objekten scheuen oder Anzeichen von Konflikt zeigen, wenn sie in den Galopp wechseln sollen.
Das – für einige vielleicht überraschende – Ergebnis: Stuten verhalten sich unterm Sattel nicht anders als Wallache. Bei den meisten Fragen gab es kaum einen Unterschied zwischen Stuten und Wallachen – in den wenigen Fällen mit einem signifikanteren Unterschied erreichten vor allem die Wallache eine höhere Punktzahl bei unerwünschtem Verhalten.
Zum Beispiel ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie an ihrer Satteldecke oder Schabracke kauen, bei Wallachen zwölf Prozent höher als bei Stuten. Wallache kauen auch eher am Strick, wenn sie angebunden sind – und stoßen ihre Pfleger weg, wenn sie gefüttert werden.
Bei Stuten dagegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie beim Einfangen auf der Weide weglaufen, durchschnittlich zehn Prozent höher.
Beim Reiten verhalten sich Stuten und Wallache gleich
Und noch etwas ist auffällig: Von den Verhaltensunterschiedlichkeiten hatte keine mit dem Reiten an sich zu tun.
Die Ergebnisse könnten einen großen Einfluss darauf haben, wie wir unseren Pferden künftig begegnen. Denn auch, wenn es uns oft nicht bewusst sind, prägen die Vorteile, die wir von Stuten und Wallachen haben, unseren Umgang mit ihnen.
Eine der Autorinnen der Studie, Kate Fenner von der Sydney School of Veterinary Science an der University of Sydney, sagt dazu folgendes: „Wir glauben, dass Stuten anders sind, und gehen mit diesen Vorurteilen in die Pferd-Mensch-Beziehung. Dadurch treffen wir voreilige Schlussfolgerungen, wenn sie sich nicht so verhält, wie wir wollen. Aber wir haben jetzt herausgefunden, dass es keinen Unterschied macht, ob man eine Stute oder einen Wallach unterm Sattel hat.“
Geschlechterspezifische Vorurteile auch bei Pferden ein Problem
Gender-bias – also Vorurteile, die aufgrund des Geschlechts getroffen werden – gibt es also nicht nur bei uns Menschen sondern auch bei Pferden. Und Studien wie diese helfen uns dabei, unsere eigenen Stereotypen genauer zu hinterfragen.
Letztendlich ist es für die Beziehung zwischen Dir und Deinem Pferd nämlich nur positiv, wenn ihm unvoreingenommen begegnest.
„Wenn Du mit Vorurteilen in die Reitstunde gehst, wirst Du kein proaktiver Reiter sein, sondern ein reaktiver“, erklärt Kate Fenner gegenüber „The Horse“. „Dadurch neigst Du dazu, Dein Pferd eher zu bestrafen, um es zu korrigieren und auf das Verhalten Deines Pferdes zu reagieren.“
Dagegen könne eine Änderung der Einstellung helfen. „Dann gehst Du davon aus, dass Deine Stute nicht das tut, was Du wolltest, weil sie Dich nicht verstanden hat. Dadurch bist Du proaktiver und darauf vorbereitet, Deiner Stute etwas beizubringen, anstatt sie zu korrigieren.“
So verschiebe sich die Verantwortung für Missverständnisse vom Pferd weg hin zum Reiter. „Deiner Stute diesen Vertrauensbonus zu geben ist letztendlich viel besser für ihr Wohlbefinden.“
Kommt des Vorurteil schwieriger Stuten
Warum Stuten häufig einen schlechteren Ruf haben als Wallache, wissen auch die Experten nicht genau. Kate Fenner vermutet aber, dass das aus der menschlichen Welt kommen könnte. „Traditionell gibt es viele Vorurteile gegenüber Frauen: Sie gelten als launisch, rechthaberisch oder schwierig. Es ist also möglich, dass das auch auf Pferde übertragen wurde.“
Interessant sei allerdings, dass es dieses Phänomen bei anderen Tierarten nicht gebe, zum Beispiel bei Hunden. „Das ist ein komplett anderer Ansatz, der weiterer Forschung bedarf.“











