Der Glaube, dass Pferde in Momenten tiefer Trauer oder bei starkem Schmerz weinen können, hält sich hartnäckig in vielen Stallgassen. Rührende Videos von Pferden mit tränenden Augen nach dem Verlust eines Weidepartners werden oft geteilt. Wissenschaftliche Fakten belegen jedoch: Pferde können Schmerz und Trauer zwar tiefgreifend empfinden, ihre Tränen haben jedoch einen völlig anderen Ursprung.
Können Pferde weinen?
Nein, Pferde können im emotionalen Sinne nicht weinen. Der Mensch ist das einzige bekannte Säugetier, das sogenannte psychogene, also durch Gefühle ausgelöste, Tränen vergießt. Beim Menschen ist das limbische System, das für unsere Emotionen zuständig ist, direkt mit den Tränendrüsen verschaltet.
Dem Pferd fehlt diese neurologische Verbindung komplett. Wenn einem Pferd Tränen über die Wangen laufen, hat dies niemals emotionale, sondern ausschließlich physiologische Gründe. Pferde weinen nicht vor Trauer, Angst oder Schmerz, auch wenn sie hochsensibel sind und diese Gefühle intensiv durchleben.
Warum tränen Pferdeaugen wirklich?
Die Tränenflüssigkeit hat beim Pferd eine rein funktionale und schützende Aufgabe. Sie dient dazu, die empfindliche Hornhaut feucht zu halten, das Auge zu reinigen und Schmutz oder Fremdkörper herauszuspülen.
Normalerweise fließt diese Flüssigkeit unbemerkt über den Tränen-Nasen-Gang (Ductus nasolacrimalis) in die Nasenhöhle ab. Tränen Pferdeaugen sichtbar und die Flüssigkeit läuft über das Fell, liegt meist eine Störung vor. Typische Ursachen sind Umweltreize wie starker Wind, Zugluft, Staub und Insekten. Oft führt auch ein verstopfter Tränen-Nasen-Gang oder eine Bindehautentzündung (Konjunktivitis) dazu, dass die Flüssigkeit nicht mehr regulär abfließen kann.
Wie zeigen Pferde Trauer und Schmerz?
Auch wenn Pferde keine Tränen der Trauer vergießen, leiden sie nachweislich unter dem Verlust von Herdenmitgliedern, Fohlen oder engen Bezugspersonen. Sie kommunizieren ihren Schmerz jedoch auf pferdetypische Weise, die Reiter genau beobachten sollten.
Ein trauerndes Pferd zieht sich oft aus dem Herdengefüge zurück, wirkt apathisch oder verweigert vorübergehend das Futter. Andere Pferde wiederum reagieren extrem unruhig: Sie laufen gestresst am Zaun auf und ab oder rufen durch langanhaltendes, suchendes Wiehern nach dem vermissten Partner. Physische Schmerzen zeigen Pferde sehr deutlich über ihre Mimik. Auf der sogenannten Horse Grimace Scale (Pferde-Grimassen-Skala) lassen sich Schmerzen gut ablesen: Ein starrer Blick, angespannte Kaumuskeln, erweiterte Nüstern und nach hinten gerichtete Ohren sind absolute Alarmzeichen.
Als mein Wallach nach einem Stallwechsel mit tränenden Augen in der Box stand, war mein erster menschlicher Impuls: Er weint vor Heimweh. Die ernüchternde Diagnose der Tierärztin lautete jedoch Hornhautkratzer durch eine Heugranne. Dieser Moment hat mir gezeigt: Romantische Vermenschlichung hilft dem Tier nicht. Erst wenn wir lernen, Schmerz und Trauer in der echten Pferdesprache zu lesen, handeln wir wirklich im Sinne des Pferdewohls.
Michelle
Redakteurin bei ehorses

Welche Bedeutung haben Emotionen im Pferdeleben?
Als hochsoziale Herdentiere verfügen Pferde über ein weitreichendes emotionales Spektrum. Enge Bindungen zu Artgenossen sichern in der freien Wildbahn das Überleben und sorgen für ein stabiles Sozialgefüge.
Pferde spiegeln Gefühle wie Freude, Stress, Angst und Zuneigung intensiv in ihrer Körpersprache wider. Positive Emotionen äußern sie durch entspanntes Abschnauben, gegenseitiges Kraulen der Fellpflege (Grooming) und eine gelöste Gesichtsmimik. Zudem besitzen sie eine bemerkenswerte emotionale Intelligenz, die es ihnen ermöglicht, kleinste Stimmungsschwankungen des Menschen treffsicher wahrzunehmen.
Wann sollte bei einem tränenden Auge der Tierarzt gerufen werden?
Tränt ein Auge nur kurzzeitig, weil das Pferd im starken Wind stand, reicht oft eine behutsame Beobachtung. Hält der Tränenfluss jedoch an, ist das Auge gerötet, geschwollen oder kneift das Pferd die Augenlider krampfhaft zusammen, ist umgehendes Handeln gefragt.
Besonders eitriger, gelblicher oder trüber Ausfluss deutet auf eine bakterielle Infektion hin. Bei Verdacht auf eine Hornhautverletzung (beispielsweise durch einen spitzen Ast) oder schmerzhafte Geschwüre darf keine Zeit verloren werden. Der Tierarzt muss das Auge mit speziellen Tropfen einfärben und untersuchen, um dauerhafte Schäden an der Sehkraft des Pferdes zu verhindern.
Welches Zubehör schützt empfindliche Pferdeaugen?
Um tränenden Augen vorzubeugen, greifen viele Besitzer auf schützendes Equipment zurück. Besonders im Sommer sind gut sitzende Fliegenmasken mit UV-Schutz unerlässlich, um das Auge vor Insekten und starker Sonneneinstrahlung zu bewahren.
Für Pferde, die beim Reiten sehr empfindlich auf Fahrtwind oder Insekten reagieren, bieten spezielle Fliegenfransen am Stirnband oder Reitmasken einen guten Schutz, ohne das Gesichtsfeld einzuschränken.
Wie nutzen Reiter das Wissen um Pferde-Emotionen im Alltag?
Das Verständnis dafür, wie Pferde Trauer und Schmerzen kommunizieren, hilft Reitern, Missverständnisse zu vermeiden. Tränende Augen werden nicht als menschliche Emotion abgetan, sondern korrekterweise sofort als medizinisches Problem erkannt und behandelt.
Gleichzeitig schärfen Reiter durch dieses Wissen ihren Blick für die echte Kommunikation des Pferdes. Wer die subtilen Zeichen von Stress, Unwohlsein oder Trauer rechtzeitig deuten kann, baut eine deutlich tiefere und sicherere Bindung zu seinem Tier auf. Er kann sein Training anpassen und einem trauernden Pferd durch viel Zeit, vertraute Routinen und verständnisvolle Pflege über einen Verlust hinweghelfen.
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Fragen & Antworten
Nein. Pferde empfinden zwar nachweislich Trauer, aber sie vergießen keine emotionalen Tränen. Tränende Augen haben bei Pferden immer eine physische oder medizinische Ursache.
Meist liegt dies an einer Reizung der Bindehaut durch Wind, Fliegen oder Staub. Oft ist auch der Tränen-Nasen-Gang verstopft, wodurch die Flüssigkeit nicht in die Nase abfließen kann, sondern über das Gesicht läuft.
Trauernde Pferde zeigen oft eine veränderte Futteraufnahme, wirken in sich gekehrt, sondern sich von der Herde ab oder suchen unruhig und stark wiehernd nach dem verlorenen Herdenmitglied.
Pferde zeigen Schmerzen sehr deutlich im Gesicht. Ein asymmetrischer oder starrer Blick, extrem angespannte Kaumuskeln, ein eckig gezogenes Maul und leicht angelegte Ohren sind typische Schmerzanzeichen.
Bei klarem, kurzem Tränenfluss hilft sanftes Beobachten. Ist das Auge jedoch stark gerötet, eitrig verklebt oder kneift das Pferd die Augenlider zusammen, sollte umgehend ein Tierarzt gerufen werden.











