Dass Pferde feinfühlige Wesen sind, erleben Reiter und Pferdebesitzer jeden Tag. Eine aktuelle Studie mit dem Titel „Ins Pferd hineingehorcht“ (Phase 1, Juni 2026) der Autorinnen Birgit Heintz und Marika Weiger liefert nun faszinierende Erkenntnisse über das emotionale Repertoire und die Empathiefähigkeit unserer Pferde. Wir fassen die spannendsten Erkenntnisse für euch zusammen.
Ein neuer Blick auf die Pferd-Mensch-Beziehung
Lange Zeit galten Emotionen bei Tieren in der Wissenschaft als kaum messbar und wurden oft aus der Forschung ausgeklammert. Die Studie „Ins Pferd hineingehorcht“ wählt bewusst einen anderen Zugang, um die tiefen emotionalen Verbindungen zwischen Zwei- und Vierbeinern greifbar zu machen. Zwischen Januar und März 2026 wurden 187 Einzelberichte durch Onlineumfragen und Video-Interviews gesammelt. Die Teilnehmenden gaben tiefgehende Einblicke in ihre Beziehung zu jenem Pferd, zu dem sie die intensivste Verbindung spüren. Die Mehrheit der Befragten (90,5 %) war weiblich und befand sich schwerpunktmäßig in der Altersgruppe zwischen 40 und 60 Jahren. 43 % der beschriebenen Tiere waren Warmblüter, gefolgt von Reitponys und Kleinpferden mit 19 %
Hochsensibel und emotional: Was fühlen Pferde?
Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll: Pferde werden als äußerst empfindsame Interaktionspartner wahrgenommen. Auf einer Skala von 0 bis 7 schätzten die Teilnehmenden die Empfindsamkeit ihres Pferdes im Durchschnitt auf einen extrem hohen Wert von 5,9 ein. Dabei wurde den Tieren ein breites, klar differenziertes Spektrum an Gefühlen zugeschrieben:
Freude und Lebensfreude
Zufriedenheit, innere Ruhe und Gelassenheit
Neugier, Interesse und Mut
Angst, Unsicherheit und Stress
Ärger, Unmut und Frustration
- Vertrauen, Zuneigung, Anhänglichkeit sowie Trauer
Diese vielschichtigen Emotionen ließen sich laut den Befragten nahezu ausschließlich über körperliche Ausdrucksphänomene ablesen. Dazu zählen die Körperhaltung, der Muskeltonus, die Atmung, der Blick, das Ohrenspiel und die Bewegungsdynamik.
Empathie: Das Pferd als mitfühlender Partner
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die ausgeprägte Empathiefähigkeit der Pferde. Die Teilnehmer erlebten ihre Tiere als verständnisvolle Partner, die auf emotionale Zustände des Menschen reagieren und ihr Verhalten entsprechend anpassen.
Pferde agieren oft als regulierende Gegenüber, die bei Stress oder Angst des Menschen beruhigend, strukturierend oder aktivierend wirken können.
Sie zeigen eine affektiv-leibliche Abstimmung und spiegeln feinste Veränderungen in Tonus oder Atmung des Menschen wider.
Gleichzeitig geben Pferde auch konfrontative Rückmeldungen, wenn sie Unstimmigkeiten oder Inkongruenz beim Menschen wahrnehmen.
In besonderen Gefahren- oder Krisensituationen zeigten die Pferde sogar aktives Schutzverhalten oder Fürsorge gegenüber dem Menschen, beispielsweise bei Stürzen, Unfällen oder Krankheiten.
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Vertrauen statt „menschlicher Liebe“
Auf die Frage, was das Pferd wohl für seinen Menschen empfindet, wurde der menschliche Begriff „Liebe“ von den Teilnehmern oft bewusst vermieden oder relativiert. Vielmehr gehen die meisten Befragten davon aus, dass ihr Pferd tiefe Verbundenheit und vor allem absolutes Vertrauen empfindet. Der Mensch wird in diesen intensiven Beziehungen häufig als sicherer Hafen, Verlässlichkeit und wichtiger Orientierungspunkt erlebt.
Wissenschaftliche Bestätigung aus der Verhaltensbiologie
Die im Reit- und Therapiealltag gemachten Beobachtungen lassen sich hervorragend in moderne verhaltensbiologische und neurowissenschaftliche Konzepte einordnen.
Die Arbeiten des Verhaltensforschers Frans de Waal untermauern, dass Empathie keine rein menschliche Eigenschaft ist, sondern ein evolutionäres Kontinuum bei sozial lebenden Tieren darstellt.
Zudem decken sich die beschriebenen Gefühlszustände der Pferde exakt mit den sieben grundlegenden emotionalen Systemen der Säugetiere (wie beispielsweise SEEKING für Neugier, CARE für Fürsorge, PLAY für Spiel oder FEAR für Angst), die der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp identifiziert hat.
Ausblick: Wie geht es weiter?
Die erste Projektphase verdeutlicht einmal mehr, dass Pferde fühlende, bezogene und hoch resonante Lebewesen sind. In der zweiten Phase der Studie (Mai bis September 2026) wird eine kleinere Auswahl von Teilnehmenden ihrem freilaufenden Pferd begegnen, um drei einfache Interaktionsaufgaben gemeinsam zu bewältigen. Diese Begegnungen werden per Video aufgezeichnet und ab Herbst 2026 von interdisziplinären Expertengruppen mikroanalytisch ausgewertet, um noch detailliertere Einblicke in die feine Kommunikation zwischen Mensch und Pferd zu gewinnen. Wir sind bereits sehr gespannt auf die weiteren Ergebnisse aus Phase 2 und werden euch darüber natürlich auf dem Laufenden halten!
Fragen & Antworten
Pferde kommunizieren ihre Emotionen primär über den Körperausdruck. Die Studienteilnehmer erkannten Gefühle vor allem an feinen Veränderungen wie dem Muskeltonus, der Körperhaltung, der Atmung, dem Blick und dem Ohrenspiel. Zufriedenheit zeigt sich oft durch einen weichen Muskeltonus, einen entspannten Gesichtsausdruck und ein ruhiges, hängendes Hinterbein. Stress oder Angst werden durch eine erhöhte Grundspannung, weit aufgerissene Augen, kurze Atmung und einen angehobenen Kopf signalisiert.
Absolut. Empathie bei Pferden bedeutet vor allem „affektive Resonanz“. Das heißt, sie nehmen unsere feinen körperlichen Signale (Atmung, Spannung) wahr und reagieren darauf. Sie fungieren in engen Mensch-Pferd-Beziehungen oft als „Spiegel“ für unsere eigene Stimmung, können uns in Stresssituationen beruhigen (Ko-Regulation) oder setzen in brenzligen Momenten sogar auf Schutz und Fürsorge für ihren Menschen.
Wer weiß, dass Pferde hochsensible und empathische Lebewesen sind, geht achtsamer mit ihnen um. Dieses Verständnis verhilft zu einem faireren, pferdegerechteren Training ohne Zwang, fördert echtes Teamwork und verringert Konflikte. Wenn wir lernen, ins Pferd hineinzuhorchen, entsteht eine Partnerschaft auf Augenhöhe, die beiden Seiten Freude bereitet.











