Home PferdewissenPferd überhitzt? Symptome richtig deuten und 5 Tipps zum Abkühlen

Pferd überhitzt? Symptome richtig deuten und 5 Tipps zum Abkühlen

von Michelle Breitenfeld

Sommerzeit ist Weidezeit! Doch so sehr wir die sonnigen Tage genießen, für unsere Pferde kann die Hitze schnell zur lebensbedrohlichen Belastung werden. Was viele unterschätzen: Pferde überhitzen zehnmal schneller als wir Menschen. Besonders an schwülen Tagen ist beim Training äußerste Vorsicht geboten

Warum Hitze für Pferde so gefährlich ist

Die Wärmeregulation des Pferdes stößt in den heißen Sommermonaten weitaus schneller an ihre Grenzen, als viele Reiter vermuten. Die normale Körpertemperatur eines gesunden Pferdes bewegt sich in einem relativ schmalen Korridor zwischen 37 °C und 38 °C. Kommen jedoch eine hohe Umgebungshitze, drückende Schwüle oder intensive sportliche Belastung zusammen, kann die Thermoregulation des Tieres kollabieren, sodass die Kerntemperatur rasant auf kritische Werte ansteigt. Besonders tückisch ist dabei die enorme Muskelmasse des Pferdes: Bei körperlicher Arbeit wird ein Großteil der Energie in Wärme umgewandelt. In den stark beanspruchten Muskelpartien entstehen so extreme Spitzenwerte von bis zu 43 °C. Da Pferde aufgrund ihres ungünstigen Verhältnisses von Körperoberfläche zu Körpermasse die Hitze nur schwer abführen können, staut sich die Wärme im Inneren des Organismus und lässt die lebenswichtige Kerntermperatur gefährlich schnell auf 41 °C klettern.

Das Erreichen dieser kritischen Marke von 41 °C löst im Pferdekörper eine irreversible und lebensbedrohliche Kettenreaktion aus. Ab dieser Temperatur beginnen die körpereigenen Proteine, die als Bausteine und Enzyme für alle Lebensfunktionen unverzichtbar sind, zu denaturieren, sie zersetzen sich und verlieren dauerhaft ihre Struktur. Diese zelluläre Überhitzung schädigt die Organe massiv und führt zu einem akuten medizinischen Notfall. Die direkten Folgen dieses Hitzeschocks äußern sich in einem massiven Blutdruckabfall, da der Kreislauf überlastet ist, sowie in schweren, schmerzhaften Koliken durch eine mangelnde Durchblutung des Magen-Darm-Trakts. Im schlimmsten Fall droht ein akutes Nierenversagen, da das Organ mit den anfallenden Zellschadstoffen überflutet wird, was für das Pferd ohne schnelles tierärztliches Eingreifen tödlich endet.

Dehydration und Hitzschlag rechtzeitig erkennen

Ein dehydriertes Pferd zeigt ähnliche Symptome wie ein Mensch mit Kreislaufproblemen. Es wirkt müde, matt und schwach. Nach einer sportlichen Belastung erholen sich betroffene Tiere nur sehr schwer und langsam.

Typische Warnsignale im Überblick:

  • Extrem starkes Schwitzen

  • Ein schwankender oder unsicherer Gang

  • Erhöhte Körpertemperatur

  • Ein schwacher, aber stark beschleunigter Puls

Im Folgenden stellen wir dir fünf effektive Tipps vor, mit denen du dein Pferd an heißen Tagen erfolgreich abkühlen und vor Überhitzung schützen kannst.

Tipp 1:

Das Training in die kühlen Stunden verlegen

Reite niemals in der prallen Mittagshitze! Zu dieser Zeit gehören Pferde auf eine schattige Weide oder in den kühlen Stall. Aktiviere stattdessen im Sommer den Frühaufsteher-Modus und verlege das Training konsequent in die kühlen Morgen- oder späten Abendstunden, wenn die Temperaturen noch erträglich sind. Ein Ausritt um 6 Uhr morgens direkt zum Sonnenaufgang schont nicht nur den Kreislauf deines Pferdes spürbar, sondern hat auch einen ganz besonderen, friedlichen Charme. Solltest du es morgens nicht schaffen, bieten die späten Abendstunden eine gute Alternative, da sich die Luft dann meist schon etwas abgekühlt hat und auch die lästige Insektenplage nachlässt.

Dein Quick-Takeaway:

  • Pralle Sonne meiden: Zwischen 11 und 16 Uhr gilt strikte Trainingspause.

  • Wecker stellen: Die kühle Morgenluft (um 6 Uhr) ist am besten für Herz und Kreislauf.

  • Plan B nutzen: Die späten Abendstunden sind ideal, wenn du kein Frühaufsteher bist.

Tipp 2:

Weidemanagement anpassen und Schatten bieten

Eine durchgehende, uneingeschränkte Versorgung mit frischem, sauberem Trinkwasser ist an heißen Tagen das absolute A und O, da ein Pferd bei Hitze problemlos über 50 Liter Wasser am Tag verdunsten kann. Zudem muss auf der Koppel jederzeit ausreichend Schatten für alle Tiere vorhanden sein, sei es durch dichte Baumgruppen oder einen geräumigen Unterstand. Gibt es auf der Wiese keinen ausreichenden Schutz vor der brennenden Sonne, solltest du das Weidemanagement konsequent umstellen: Lass die Pferde während der extremen Hitze tagsüber im kühlen, gut belüfteten Stall und stelle sie stattdessen nachts auf die Wiese. Das schützt sie nicht nur vor einem Hitzschlag, sondern spart den Tieren auch jede Menge Stress durch Bremsen und stechende Insekten.

Dein Quick-Takeaway:

  • Wasser marsch: Kontrolliere täglich die Tränken auf Sauberkeit und Funktion, der Wasserbedarf verdoppelt sich schnell.
  • Schattenpflicht: Ohne ausreichend Schattenplätze (Bäume/Unterstand) hat ein Pferd tagsüber nichts auf der Koppel verloren.

  • Nachtweide nutzen: Der Wechsel auf nächtlichen Koppelgang hält das Pferd kühl und schützt vor lästigen Insekten.

Eine Gruppe brauner Pferde sucht an einem heißen Sommertag Schutz unter großen, schattenspendenden Eichen auf einer grünen Koppel. Im Vordergrund rechts ist eine automatische Edelstahl-Weidetränke mit fließendem Wasser zu sehen; im Hintergrund erstreckt sich eine weite ländliche Landschaft im warmen Abendlicht.

Tipp 3:

Achtung bei Sonnenbrand und Hitzestau

Auch Pferde können schmerzhafte Sonnenbrände bekommen! Besonders gefährdet sind empfindliche Partien mit rosa Haut, wie sie häufig an der Nase, den Nüstern oder rund um die Augen von Schimmeln, Palominos und Pferden mit hellen Abzeichen zu finden sind. Schütze diese Bereiche vor dem Koppelgang großzügig mit einer pferdefreundlichen, unparfümierten Sonnencreme (vorzugsweise mit hohem Lichtschutzfaktor oder spezieller Baby-Sonnencreme). Große Vorsicht ist zudem bei Fliegendecken geboten: Sie halten zwar die lästigen Insekten ab, können aber an drückenden, schwülen Tagen wie eine Treibhaus-Schicht wirken und einen gefährlichen Hitzestau verursachen. Kontrolliere deshalb regelmäßig mit der Hand die Temperatur unter der Decke und greife im Zweifel zu extrem engmaschigen, atmungsaktiven Funktionsstoffen oder lass die Decke an Extremtagen ganz weg.

Dein Quick-Takeaway:

  • Sonnencreme nutzen: Rosa Hautpartien an Nase und Augen täglich mit sensitivem Sonnenschutz eincremen.

  • Decken-Check: Regelmäßig die Hand unter die Fliegendecke schieben, staut sich dort die Wärme, muss die Decke sofort runter.

  • Luftdurchlässigkeit zählt: Nutze an heißen Tagen nur extrem leichte, helle und atmungsaktive Fliegenschutzkleidung.

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Tipp 4:

Richtiges Abspritzen will gelernt sein

„Nur mal kurz die Beine abspritzen“ bewirkt leider genau das Gegenteil des Gewünschten: Durch den kurzen Kältereiz ziehen sich die Blutgefäße zunächst zusammen, weiten sich aber direkt danach umso stärker, wodurch das Gewebe stark durchblutet und das Bein erst recht warm wird. Um einen echten, nachhaltigen Kühleffekt zu erzielen, musst du die Beine mindestens 10 Minuten lang gründlich und mit einem sanften Wasserstrahl abkühlen. Extrem wichtig für den Kreislauf ist das richtige Vorgehen, um den Körper nicht zu schocken: Beginne immer „herzfern“, also am rechten Hinterbein unten am Huf und arbeite dich langsam nach oben. Erst danach folgen die Vorderbeine, der Hals und die Brust. Achte zudem darauf, dass die Wassertemperatur nicht eiskalt ist, sondern maximal 15 °C unter der Außentemperatur liegt, und ziehe das Wasser nach der Dusche unbedingt mit einem Schweißmesser aus dem Fell, damit sich keine feucht-warme Luftschicht bildet.

Dein Quick-Takeaway:

  • Geduld zahlt sich aus: Kühle die Beine mindestens 10 Minuten am Stück, um ein nachträgliches Aufheizen zu verhindern.

  • Von hinten nach vorne: Immer am rechten Hinterbein (herzfern) beginnen und langsam nach oben und vorne vorarbeiten.

  • Schweißmesser nutzen: Das überschüssige Wasser nach dem Waschen sofort abziehen, da es sonst wie eine Isolationsschicht wirkt und die Hitze staut.

Tipp 5:

Erste Hilfe bei Kreislaufproblemen

Sollte dein Pferd trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Anzeichen von Erschöpfung zeigen, stark pumpen oder apathisch wirken, musst du sofort handeln. Bringe das Tier unverzüglich aus der prallen Sonne in den kühlsten verfügbaren Schattenplatz, idealerweise in einen gut belüfteten Stall oder unter dichte Bäume. Wasche das Pferd vorsichtig und großflächig mit kühlem Wasser ab, um die Körperkerntemperatur zu senken – vermeide dabei jedoch unbedingt den harten, kalten Strahl eines Wasserschlauchs direkt auf dem erhitzten Körper oder dem Rücken, da dies zu einem lebensgefährlichen Kreislaufschock führen kann. Führe das Pferd anschließend langsam im Schritt hin und her, sofern es noch stabil genug ist, denn die Bewegung der Muskeln hilft den Venen, das Blut zurück zum Herzen zu transportieren und den Kreislauf aufrechtzuerhalten. Zeigt das Pferd keine Besserung, torkelt es oder bricht es sogar zusammen, zögere keine Sekunde und rufe unverzüglich den Tierarzt.

Dein Quick-Takeaway:

  • Sofort in den Schatten: Bei den ersten Anzeichen von Kreislaufschwäche (starkes Pumpen, Teilnahmslosigkeit) raus aus der Sonne.

  • Sanft kühlen, nicht schocken: Den Körper großflächig mit nassen Tüchern oder sanftem Wasser kühlen, niemals mit hartem, eiskaltem Strahl auf den Rücken spritzen.

  • In Bewegung bleiben & Notruf: Das Pferd im Schritt langsam führen, um den Blutfluss zu unterstützen, und bei Verschlechterung sofort den Tierarzt alarmieren.

Wer sein Pferd liebt, stellt im Sommer den Wecker um. Wenn wir die Bedürfnisse unserer Pferde vor unseren eigenen Komfort stellen und das Training in die kühlen Morgenstunden verlegen, kommen wir alle gesund und entspannt durch die heißen Tage.

Michelle
Redakteurin bei ehorses

Fragen & Antworten

Pferde überhitzen zehnmal schneller als wir Menschen. Ihre normale Körpertemperatur liegt zwischen 37 °C und 38 °C, kann aber bei extremer Belastung und Hitze schnell auf 41 °C (und bis zu 43 °C in den Muskeln) steigen.

Man sollte die Beine mindestens 10 Minuten lang gründlich abkühlen. Ein zu kurzes Abspritzen bewirkt genau das Gegenteil des Gewünschten, sodass die Beine danach wieder warm werden.

Die Wassertemperatur sollte maximal 15 °C unter der aktuellen Außentemperatur liegen. Zudem darf das Pferd bei Kreislaufproblemen niemals direkt mit einem harten Strahl abgespritzt werden, da sonst akute Schockgefahr droht.

Besonders gefährdet sind Pferde mit einer rosa Nase. Vor allem Schimmel, Palominos und andere helle Fellfarben sowie Tiere mit hellen Abzeichen sind hier sehr anfällig.

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