Biologie im Sommer: Warum Pferde schlechter abkühlen als Menschen
Um zu verstehen, warum das richtige Abspritzen so wichtig ist, hilft ein Blick auf die Natur des Pferdes. Als große Säugetiere besitzen Pferde eine enorme Muskelmasse, die bei Arbeit wie ein riesiges Kraftwerk Hitze produziert. Gleichzeitig ist das Verhältnis von ihrer Körperoberfläche (der Haut) zu ihrem monumentalen Körpergewicht relativ gering. Kurz gesagt: Sie produzieren extrem viel Hitze, haben aber im Verhältnis weniger Hautfläche, um diese wieder an die Umwelt abzugeben, als wir Menschen.
Wenn ein Pferd schwitzt, nutzt es die sogenannte Verdunstungskälte. Ist die Luft jedoch schwül oder das Fell mit einer schweren, stehenden Wasserschicht bedeckt, kann dieser natürliche Kühlmechanismus nicht mehr arbeiten. Die Hitze staut sich im Inneren des Körpers.
Die aktive Cool-Down-Phase vor dem Waschplatz
Der Weg zur sicheren Abkühlung beginnt nicht erst am Wasserschlauch, sondern noch im Sattel. Ein erhitztes Pferd direkt vom Reitplatz im Galopp zum Waschplatz zu führen, ist ein enormes Risiko für den Kreislauf.
Bevor das erste Fell nass gemacht wird, muss das Pferd aktiv heruntergefahren werden. Das bedeutet: Reite oder führe dein Pferd mindestens 10 bis 15 Minuten im tiefen Entspannungsschritt im Schatten trocken. Erst wenn sich die Atemfrequenz (die Flankenbewegung) spürbar beruhigt hat und das Pferd nicht mehr pumpt, ist der Körper bereit für die hydrotherapeutische Abkühlung.
Wie spritze ich mein Pferd Schritt für Schritt richtig ab?
Beim Abspritzen hältst du dich an eine feste Reihenfolge, die das Herz-Kreislauf-System deines Pferdes schont. Du beginnst immer am am weitesten vom Herzen entfernten Punkt und arbeitest dich langsam vor.
Schritt 1: Beginne hinten rechts am Huf und führe den Wasserstrahl langsam das Bein hinauf bis zum Sprunggelenk.
Schritt 2: Wechsle zum hinteren linken Bein und gehe genauso vor.
Schritt 3: Spritze danach die Vorderbeine nacheinander von unten nach oben ab.
Schritt 4: Wenn dein Pferd die Kälte gut verträgt, kühlst du vorsichtig die Kruppe und die Brust.
Schritt 5: Spare den empfindlichen Rücken sowie den Kopf mit dem harten Wasserstrahl aus.
Schritt 6: Nutze direkt im Anschluss das Schweißmesser, um das Wasser komplett abzuziehen.
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Der „Treibhauseffekt“ Nr. 1: Das vergessene Wasser im Fell
Der gravierendste Fehler passiert meistens, wenn der Schlauch wieder abgedreht ist. Das Pferd glänzt, ist klatschnass und wird so in die Box oder auf die Stallgasse gestellt.
Was nun passiert, ist reine Physik: Die enorme Körperhitze des Pferdes erwärmt das im dichten Fell stehende Wasser innerhalb weniger Augenblicke. Da das Wasser ohne Bewegung nicht einfach abfließt, bildet sich eine stehende, heiße Wasserschicht. Diese wirkt wie eine Isolationsschicht – ein kochend heißes Treibhaus direkt auf der Pferdehaut. Die Wärme kann nicht mehr nach außen entweichen, der Schweißfluss stoppt und die Körperkerntemperatur schießt gefährlich in die Höhe.
Die goldene Regel: Wer sein Pferd abspritzt, muss es zwingend abziehen! Benutze direkt nach dem Waschen einen Wasserschaber, um das erwärmte Wasser gründlich aus dem Fell zu holen. Bei extrem erhitzten Pferden solltest du den Zyklus „Abspritzen, Abziehen, Abspritzen, Abziehen“ ruhig zwei- bis dreimal wiederholen, bis das abgezogene Wasser nicht mehr warm, sondern kühl ist.
Der „Treibhauseffekt“ Nr. 2: Hitzestau unter Decken
Gut gemeint ist im Sommer leider oft das Gegenteil von gut gemacht. Viele Reiter möchten ihr Pferd vor lästigen Bremsen schützen oder den Trocknungsprozess beschleunigen und greifen zu Decken; mit fatalen Folgen für das Mikroklima.
Fliegendecken auf feuchtem Fell: Legst du einem noch feuchten Pferd eine engmaschige Fliegendecke auf, wird der Luftaustausch massiv behindert. Die Feuchtigkeit verdunstet nicht, sondern schlägt sich unter der Decke nieder. Es entsteht eine schwüle Waschküche auf dem Pferderücken.
Der Mythos der nassen Abschwitzdecke: Manchmal sieht man den Tipp, eine Abschwitzdecke nass zu machen und aufzulegen, um das Pferd zu kühlen. Das funktioniert für vielleicht zwei Minuten. Danach heizt sich die nasse Textilschicht durch die Körperwärme auf und blockiert jegliche Luftzirkulation. Es entsteht ein massiver Hitzestau.
Welches Wasser sollte ich für das Pferd nutzen?
Nutze für das Abspritzen der Beine und des Körpers kühles Leitungswasser oder Brunnenwasser, aber niemals eiskaltes Wasser aus tiefen Brunnen im Hochsommer. Zu kaltes Wasser verengt die Blutgefäße in der Haut schlagartig. Das blockiert die Wärmeabgabe des Körpers nach außen, staut die Hitze im Inneren des Pferdes und führt somit zu einer gefährlichen inneren Überhitzung sowie zu massiven Kreislaufproblemen. Wähle stattdessen immer einen moderat kühlen, sanften Wasserstrahl.
Ein zu starker Wasserdruck schadet dem Pferd ebenfalls und sorgt für Abwehrverhalten beim Waschen. Harte Wasserstrahlen sind besonders an den empfindlichen Sehnen der Beine oder im Bereich der Flanken unangenehm und können den gegenteiligen Effekt erzielen, indem sie das Pferd in Stress versetzen. Stelle die Spritzdüse daher immer auf einen weichen, fächerförmigen Strahl ein, der die Haut sanft umspült.
Falls dir im Stall nur extrem kaltes Brunnenwasser zur Verfügung steht, lässt du dieses vor der Anwendung am besten in einer Tonne oder einem Wassereimer kurz in der Sonne stehen. So nimmt das Wasser schnell eine lauwarme bis moderat kühle Temperatur an. Diese Methode schont den Kreislauf deines Pferdes optimal und sorgt dafür, dass die Gefäße offen bleiben, um die angestaute Körperhitze effektiv an die Umwelt abzugeben.
Wasser kühlt das Pferd nur so lange, wie es fließt. Sobald es auf dem Fell steht, wärmt es. Wer sein Pferd liebt, greift nach dem Abspritzen also direkt zum Schweißmesser. Das dauert nur zwei Minuten, schützt dein Pferd aber effektiv vor einem gefährlichen Hitzestau.
Michelle
Redakteurin bei ehorses
Fragen & Antworten
Nein, auf keinen Fall. Wenn noch Restfeuchtigkeit im Fell vorhanden ist, wirken die Wassertropfen unter Sonneneinstrahlung wie kleine Brenngläser. Zudem heizt die direkte Sonne den Pferdekörper sofort wieder auf. Das frisch abgezogene Pferd gehört in den Schatten oder in einen gut belüfteten Stalltrakt, bis es komplett trocken ist.
Ein schnelles „Drüberhuschen“ für 60 Sekunden schadet mehr, als es nützt. Durch den kurzen Kältereiz verengen sich die Gefäße kurz, weiten sich aber sofort danach wieder extrem, wodurch das Gewebe noch stärker durchblutet und aufgeheizt wird. Um die Tiefenmuskulatur effektiv zu kühlen und den Puls zu senken, sollten die Beine mindestens 10 Minuten am Stück mit einem konstanten, sanften Wasserstrahl gekühlt werden.
Eiskaltes Brunnenwasser (oft nur 7 °C bis 9 °C) bei einer Außentemperatur von über 30 °C ist ein Schock für das vegetative Nervensystem des Pferdes. Das Wasser sollte sich kühl anfühlen, aber nicht eiskalt sein. Ein Richtwert ist, dass das Wasser maximal 15 °C unter der aktuellen Lufttemperatur liegen sollte.
Erzwinge das Abspritzen nicht mit Gewalt, da Stress die Körpertemperatur zusätzlich in die Höhe treibt. Greife stattdessen zu einem großen Schwamm und einem Eimer mit lauwarmem Wasser. Wasche die Beine und den Hals Stück für Stück per Hand ab und ziehe das Wasser auch hier sofort mit dem Schaber oder der Handkante aus dem Fell.











