Home PferdewissenGesundheit3 Anzeichen für Magengeschwüre, die fast jeder übersieht

3 Anzeichen für Magengeschwüre, die fast jeder übersieht

von Michelle Breitenfeld

Magengeschwüre gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen bei Pferden, kündigen sich im Alltag jedoch oft nur durch sehr feine Signale an. Wer diese frühen Symptome richtig deutet, erspart seinem Vierbeiner unnötige Schmerzen und kann rechtzeitig handeln.

Was ist ein Magengeschwür?

Um zu verstehen, warum Pferde so anfällig für Magenprobleme sind, hilft ein kurzer Blick auf ihre Verdauung. Das Pferd ist als Steppentier darauf ausgelegt, bis zu 16 Stunden am Tag rohfaserreiches Futter zu kauen. Deshalb produziert der Pferdemagen rund um die Uhr Magensäure, völlig unabhängig davon, ob das Pferd gerade frisst oder nicht.

Der Magen selbst ist in zwei Bereiche unterteilt: Eine drüsenhaltige, unempfindlichere untere Hälfte und eine drüsenlose, sehr empfindliche obere Hälfte. Während der untere Bereich durch eine eigene Schleimhautschicht geschützt ist, verlässt sich die obere Region vollkommen darauf, dass der beim Kauen entstehende Speichel und der durchgehende Futterbrei die Säure abpuffern.

Wenn ein Pferd nun längere Fresspausen hat (mehr als vier Stunden), fehlt dieser speichelgetränkte Futterbrei, der die Säure normalerweise abpuffert. Die aggressive Magensäure schwappt dann ungehindert an die ungeschützte obere Magenwand. Die Folge: Reizungen, Entzündungen und schließlich blutende Magengeschwüre (Equine Gastric Ulcer Syndrome, kurz EGUS). Neben zu langen Fresspausen gehören vor allem Stress (wie Herdenwechsel, Stallwechsel oder Druck im Training) und zu viel stärkehaltiges Kraftfutter zu den Hauptauslösern.

Die klassischen Symptome auf einen Blick

Bei fortgeschrittenen Entzündungen oder tiefen Geschwüren zeigt der Körper meist eindeutige Reaktionen:

  • Starker Gurtzwang: Extremes Abwehren (Ohren anlegen, Beißansätze, Schlagen mit dem Hinterbein oder Wegtreten) beim Gurten und Satteln.

  • Wiederkehrende Kolikansätze: Das Pferd zeigt besonders kurz nach der Futteraufnahme schubweise Koliksymptome wie Scharren, Umsehen zum Bauch, wiederholtes Hinlegen oder Abrollen.

  • Appetitlosigkeit und Futterverweigerung: Futter wird komplett verweigert oder mitten im Fressen abrupt abgebrochen (meist betrifft das zuerst das Kraftfutter, später auch das Heu).

  • Gewichts- und Muskelverlust: Durch die ständigen Schmerzen und die reduzierte Futteraufnahme baut das Pferd innerhalb kurzer Zeit sichtbar ab.

  • Massiver Leistungsabfall und Gegenwehr: Das Pferd blockiert unter dem Sattel, lässt sich nicht mehr über den Rücken reiten, wirkt extrem triebig oder reagiert mit Bocken und Steigen auf Schenkelhilfen.

3 schleichende Warnsignale, die im Stallalltag untergehen

Neben den klassischen Symptomen gibt es Verhaltensweisen, die im Stall oft fehlinterpretiert werden. Hier solltest du genauer hinsehen:

1. Häufiges Gähnen, Flehmen und Zähneknirschen: Gähnen wird im Stall oft als Zeichen von tiefem Wohlbefinden, Müdigkeit oder als Entspannungsreaktion nach einer gelungenen Trainingseinheit abgetan. Tritt das Gähnen jedoch gehäuft auf , etwa direkt nach der Futteraufnahme, beim Satteln oder beim Putzen , ist es ein deutliches Schmerzzeichen. Durch das weite Öffnen des Mauls versucht das Pferd, Spannung aus der Kiefermuskulatur zu nehmen und den brennenden Druck im Magen auszugleichen. Gleiches gilt für plötzliches Flehmen ohne geruchlichen Auslöser sowie leises Zähneknirschen in Ruhephasen: Beide Verhaltensweisen sind stumme Hilferufe bei akutem Sodbrennen.

2. Verändertes Fressverhalten und ständiges „Zwischen-Trinken“: Magenpferde müssen nicht zwangsläufig das Futter komplett verweigern. Viel öfter zeigen sich kleine Verhaltensänderungen am Trog. Das Pferd frisst sein Kraftfutter plötzlich sehr zögerlich, unterbricht das Kauen immer wieder ganz unvermittelt oder lässt kleine Reste im Trog stehen. Ein ganz typisches, aber oft fälschlicherweise als Marotte abgetanes Signal ist das ständige Pendeln zwischen Heuraufe und Tränke: Das schluckweise Trinken während des Fressens nutzen Pferde unbewusst, um die brennende Säure im Magen kurzfristig herunterzukühlen und herunterzuspülen.

3. Empfindlichkeit an den Flanken und unklare Rittigkeitsprobleme: Reagiert dein Pferd beim Putzen im Bereich der Rippen, der Gurtlage oder an den Flanken mit Ohrenanlegen, Schweifschlagen oder Ausweichen? Solche Reaktionen werden im Stall gerne als „Zickigkeit“, Stutenzickigkeit oder Kitzligkeit abgetan. Tatsächlich projiziert der gereizte Magen den inneren Schmerz direkt in diese Körperregionen. Auch unter dem Sattel zeigt sich das Unwohlsein oft schwammig: Das Pferd mag nicht mehr locker durch den Rücken schwingen, wirkt triebig, klemmt am Schenkel oder zeigt Gegenwehr beim Angaloppieren, ohne dass der Sattler oder Osteopath ein mechanisches Problem findet.

Diagnose und Therapie: Der Weg zurück zur Magen-Gesundheit

Wer den Verdacht auf ein Magengeschwür hegt, sollte nicht eigenmächtig mit Hausmitteln oder frei verkäuflichen Zusatzfuttermitteln experimentieren, sondern gezielt den Tierarzt hinzuziehen.

  • Die Diagnose: Der einzige Weg zu einer 100-prozentig sicheren Diagnose ist die Gastroskopie (Magenspiegelung). Dabei führt der Tierarzt ein dünnes Endoskop über die Nüstern in den Magen ein. Unter leichter Sedierung kann der Zustand der Schleimhaut genau beurteilt und der Schweregrad der Geschwüre (Grad 1 bis 4) bestimmt werden.

  • Die medikamentöse Behandlung: Bei bestätigten Geschwüren setzt die Tiermedizin auf sogenannte Protonenpumpenhemmer (in der Regel mit dem Wirkstoff Omeprazol). Das Medikament blockiert die Säureproduktion im Magen vorübergehend, sodass die geschädigte Schleimhaut in Ruhe abheilen kann.

  • Anpassung des Managements: Ein Medikament heilt zwar die Wunde, beseitigt aber nicht die Ursache. Langfristiger Erfolg stellt sich nur ein, wenn Haltung und Fütterung angepasst werden:

    • Raufutter: Heu sollte rund um die Uhr oder mit maximal dreistündigen Fresspausen (z. B. durch engmaschige Heunetze) zur Verfügung stehen.

    • Fütterungsreihenfolge einhalten: Immer erst Heu füttern, damit der Speichel den Magen puffert, und erst danach Kraftfutter geben.

    • Kraftfutter reduzieren: Getreide- und zuckerfreie Alternativen bevorzugen und die Tagesmenge auf mehrere kleine Portionen verteilen.

    • Stressfrei trainieren: Vor dem Reiten eine kleine Handvoll Luzerne oder Heu füttern. Das verhindert, dass die Magensäure bei der Arbeit in die empfindliche obere Magenregion schwappt.

Schimmel frisst Heu. Im Hintegrund sind weitere Pferde unscharf zu erkennen.

Du bist noch auf der Suche nach deinem Traumpferd? 🐴

Finde es jetzt auf ehorses, dem weltweit größten Pferdemarkt!

Fragen & Antworten

Stärke- und zuckerreiche Futtermittel sollten strikt vermieden werden. Dazu gehören große Mengen Hafer, Gerste, Mais, melassiertes Müsli, Brot sowie zuckerhaltige Leckerlis und Obst (wie Äpfel oder Bananen) in größeren Mengen. Diese Zutaten steigern die Säurebildung drastisch. Auch Silage oder sehr saure Heulage sind für Magenpatienten ungeeignet.

Ja, Luzerne gilt als natürlicher Magenpuffer. Sie enthält viel Calcium und Protein, was die Magensäure chemisch bindet. Eine Handvoll Luzernhäcksel etwa 15 bis 30 Minuten vor dem Reiten füttern baut eine Schutzschicht auf und schützt die obere Magenwand vor hochspritzender Säure während der Bewegung.

Unter konsequenter medikamentöser Therapie mit Omeprazol und optimierter Haltung tritt oft schon nach 7 bis 14 Tagen eine spürbare Besserung des Verhaltens ein. Bis die Läsionen in der Schleimhaut vollständig abgeheilt sind, vergehen jedoch meist 3 bis 6 Wochen. Eine Kontroll-Gastroskopie vor dem Absetzen der Medikamente wird empfohlen.

Ein Magengeschwür an sich ist primär extrem schmerzhaft. Wird es jedoch über lange Zeit ignoriert, kann es im schlimmsten Fall zu einem Magendurchbruch (Ruptur) kommen, der tödlich verläuft. Zudem lösen die dauerhaften Magenschmerzen häufig schwere Sekundärkoliken aus, die operative Eingriffe erforderlich machen können. Frühzeitiges Handeln schützt das Leben deines Pferdes.

Dein direkter Draht zur Pferdewelt!

Mit unserem Newsletter für Pferdebegeisterte.

Schreibe einen Kommentar

* Mit der Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Speicherung und Verarbeitung Deiner Daten durch diese Website einverstanden.