Rund um das Thema Pferd gibt es abertausende verschiedene Ansätze, Meinungen oder Mythen. Dabei geht es um Krankheiten, Verhaltensweisen, bewährte Hausmittel oder biologische Prozesse wie den Fellwechsel. Einige der Mythen sind fachlich korrekt, andere haben sich im Laufe der Zeit etabliert, entsprechen aber nicht (ganz) der Wahrheit. In diesem Artikel wollen wir mit diesen Mythen aufräumen und erklären dir, welche die bekanntesten sind und was hinter ihnen steckt.
Mythos 1: Pferde haben dickere Haut als Menschen
Bei diesem Mythos gibt es tatsächlich Aufklärungsbedarf, da er schlichtweg falsch ist. In den vergangenen Jahren wurde die Pferdehaut von Wissenschaftlern genauer untersucht. Dabei stellten sie fest, dass der Unterschied in der Hautdicke nur wenige Millimeter beträgt und somit als marginal einzustufen ist. Da die oberste Hautschicht sogar dünner als die eines Menschen ist, sind Pferde mindestens genauso schmerzempfindlich wie wir.
Mythos 2: Pferde können sich nicht übergeben
„Man hat schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen“ ist ein bekanntes Sprichwort, das ausdrückt, dass man selbst das Unwahrscheinlichste niemals ganz ausschließen sollte.
In der Realität ist dieses Szenario jedoch biologisch unmöglich. Der Schließmuskel am Mageneingang des Pferdes ist derart stark ausgeprägt, dass der Futterbrei nur in eine Richtung wandern kann. Ein herkömmliches Erbrechen durch das Maul ist daher anatomisch ausgeschlossen. Falls ein Pferd sich massiv überfressen hat oder eine Schlundverstopfung vorliegt, kann es allerdings passieren, dass Futterreste breiig aus den Nüstern austreten. Da diese Symptomatik weitaus gefährlicher ist, als sie im ersten Moment klingen mag, solltest du in einer solchen Situation sofort einen Tierarzt verständigen.
Mythos 3: Viel Schaum am Maul spricht für ein losgelassenes Pferd
Die Maultätigkeit ist für viele Reiter ein Kriterium, an dem sie die Losgelassenheit ihres Pferdes beurteilen. Dieser Schritt ist grundsätzlich nicht verkehrt.
Allerdings zeigt sich eine gute Maultätigkeit in einer leichten, feinen Schaumbildung an der Unterlippe und einem zufrieden geschlossenen Maul. Viel Schaum am Maul spricht dagegen eher für hohe Anstrengung oder sogar Stress. Dieser entsteht oft dadurch, dass das Pferd unter Anspannung den natürlichen Schluckreflex blockiert und den Speichel durch die Kaubewegung wie Eischnee aufschlägt. Anstatt ein Zeichen von Entspannung zu sein, deutet dieses „Schäumen“ häufig darauf hin, dass das sympathische Nervensystem auf Hochtouren läuft und das Pferd nicht mehr im inneren Gleichgewicht ist.
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Mythos 4: Fressen mit Gebiss im Maul kann lebensgefährlich sein
Bei diesem Mythos kannst du zwischen medizinischer Korrektheit und deinen persönlichen Vorlieben in Sachen Erziehung unterscheiden. Grundsätzlich ist es für ein Pferd nicht lebensgefährlich, wenn es mit einem Gebiss im Maul ein paar Grashalme zupft oder Leckerlis bekommt. Natürlich sollte das Schlingen von Nahrung generell vermieden werden, da dies für die Situation mit Gebiss ebenso wie für jene ohne gilt.
Du solltest für dich entscheiden, in welchen Momenten du deinem Pferd das Fressen erlauben möchtest. Für viele Reiter bedeutet das Gebiss im Maul Training, weshalb in dieser Zeit keine Nahrung aufgenommen werden sollte. Außerdem ist es eine ziemliche Sauerei, wenn dein Pferd Gras frisst, während es das Gebiss noch im Maul hat. In solchen Fällen sollte das Gebiss im Anschluss besonders gründlich gereinigt werden.
Mythos 5: Eiweiß löst Hufrehe aus
Hufrehe ist eine für das Pferd besonders schmerzhafte Erkrankung, bei der sich die Huflederhaut entzündet und die Blutzirkulation im Huf massiv gestört wird. Zwar gibt es zahlreiche Faktoren, die diese Krankheit auslösen können, doch gehört Eiweiß nach dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht dazu.
Vielmehr solltest du die Zuckerzufuhr sowie die Kohlenhydrate in der Ernährung deines Vierbeiners im Auge behalten, da beide Inhaltsstoffe im Übermaß als Auslöser einer Hufrehe gelten. Ein zu hoher Fruktangehalt im Gras auf der Pferdewiese oder eine große Menge an Stärke im Futter sollten aus diesem Grund unbedingt vermieden werden.
Mythos 6: Pferde dürfen nach der Arbeit nicht sofort trinken
Diese Behauptung lässt sich medizinisch so nicht bestätigen, da vor allem die Menge und das Trinkverhalten den entscheidenden Unterschied machen. Dabei verhält es sich ähnlich wie bei uns Menschen. Nach einem Marathonlauf solltest du ebenfalls nicht direkt mehrere Liter eiskaltes Wasser trinken, während ein langsames Trinken vollkommen unproblematisch ist, um den starken Durst nach der Anstrengung zu stillen.
Ähnlich ist es bei Pferden, wobei du zur Vorbeugung von Koliken vermeiden solltest, dass dein Tier in hohem Tempo zu kaltes Wasser aufnimmt. Bei langen Ausritten kannst Du durch regelmäßige Trinkpausen bereits im Vorfeld starken Durst vermeiden. Das Trinktempo lässt sich zudem reduzieren, indem du deinem Pferd etwas Heu ins Wasser legst oder es die ersten Schlucke noch mit dem Gebiss im Maul trinken lässt.
Mythos 7: Pferde können im Stehen tief schlafen
Pferde können zwar im Stehen dösen und leichten Schlaf finden, doch für den lebenswichtigen Tiefschlaf müssen sie sich zwingend hinlegen. In dieser sogenannten REM-Phase entspannt sich die gesamte Muskulatur des Körpers so stark, dass ein Pferd im Stehen sofort das Gleichgewicht verlieren würde. Dieser Zusammenhang wurde unter anderem in der Dissertation von Dr. Christine Fuchs an der LMU München wissenschaftlich belegt, welche die Notwendigkeit von Liegephasen für die psychische Gesundheit der Tiere unterstreicht (Quelle: edoc.ub.uni-muenchen.de).
Da Pferde Fluchttiere sind, vermeiden sie aufgrund ihres Urinstinkts oft längere Phasen am Boden, da sie von dort aus nicht schnell flüchten können.
Trotzdem benötigt jedes Pferd täglich eine gewisse Zeit im Liegen, um sich physisch und psychisch vollständig zu regenerieren. Diese Tiefschlafphasen halten meist nur wenige Minuten an, wobei sich der Wechsel zwischen Dösen und echtem Schlaf mehrmals wiederholt. Je sicherer und wohler sich Dein Pferd in seiner Umgebung und innerhalb der Herde fühlt, desto eher ist es bereit, sich für diese wichtigen Ruhephasen flach hinzulegen.











