„Das ist nur Winterfell!“ – Hand aufs Herz, wie oft haben wir das schon gehört? Doch echtes Übergewicht belastet Gelenke sowie Herz und ist Hauptauslöser für gefährliche Stoffwechselerkrankungen wie EMS oder Hufrehe. Aber wie erkennst du die Warnsignale am Körper deines Pferdes wirklich?
Warum ist Übergewicht für Pferde so gefährlich?
Übergewicht ist für Pferde kein optisches Problem, sondern ein massives Gesundheitsrisiko, das Entzündungsprozesse im gesamten Körper befeuert. Fettgewebe, insbesondere das sogenannte Kammfett, ist hormonell aktiv und produziert Botenstoffe, die den Stoffwechsel stören. Dies führt langfristig zu chronischen Schmerzen in den Gelenken und erhöht das Risiko für lebensbedrohliche Hufreheschübe drastisch.
Mehr als nur ein Blick: Der Body Condition Score
Um das Gewicht objektiv zu beurteilen, nutzt man in der Fachwelt den Body Condition Score (BCS), der die Fettreserven an bestimmten Körperstellen auf einer Skala von 1 (ausgehungert) bis 9 (extrem fettleibig) bewertet. Er sortiert den ersten Eindruck und zeigt dir, ob wirklich Fett da sitzt, wo es kritisch wird.
Genau das macht den BCS im Stall so praktisch. Du bewertest nicht nur eine Stelle, sondern mehrere äußerlich fühlbare Fettdepots am ganzen Pferd, und zwar immer mit Auge und Hand.
Beim BCS gehst du deshalb Schritt für Schritt über den Körper. Du schaust und tastest die Rippen, die Schulter, den Widerrist, den Rücken mit der Lendenpartie und die Hinterhand mit dem Schweifansatz ab. So erkennst du besser, ob du weiche Fettpolster fühlst oder eher Muskeln und normale Formen. Gerade der Rippentest bringt oft schnell Klarheit, denn Rippen sollen tastbar sein, ohne dass sie direkt ins Auge springen.
Schritt-für-Schritt-Anleitung: So prüfst du das Gewicht deines Pferdes
Der Rippen-Test (Das wichtigste Merkmal)
Starte am besten bei den Rippen. Der Rippentest ist im Alltag oft der schnellste Weg, um aus einem vagen Bauchgefühl ein ehrliches erstes Bild zu machen.
Stell dein Pferd entspannt und möglichst gerade hin. Dann legst du die flache Hand direkt hinter der Schulter auf den Brustkorb und streichst mit leichtem Druck über die Rippen, am besten auf beiden Seiten. Wichtig ist nicht, ob du die Rippen aus ein paar Metern Entfernung sehen kannst, sondern wie sie sich unter der Hand anfühlen.
Im Normalfall stehen die Rippen nicht deutlich hervor, sie sollen aber mit wenig Druck gut tastbar sein. Das fühlt sich ein bisschen so an, als würdest du mit der Hand über den Handrücken fahren. Du merkst die einzelnen Rippen klar, ohne lange suchen zu müssen. Genau diese Balance ist bei der Fettabdeckung der Rippen entscheidend.
Wird es knifflig, musst du meist schon etwas fester drücken, bis du überhaupt Struktur unter den Fingern spürst. Liegt eine weiche, fast schwammige Schicht über den Rippen, spricht das eher für zu viel Körperfett und damit für eine zu hohe Körperkondition. Im Body Condition Score ist das ein wichtiges Zeichen, weil sich Fett hier oft verlässlich einschätzen lässt.
Optimal: Du kannst die Rippen nicht sehen, aber mit der flachen Hand ohne Druck deutlich fühlen.
Zu dick: Du musst Kraft aufwenden oder richtig „graben“, um die Rippen unter der Fettschicht zu spüren. Wenn die Rippenpartie völlig glatt oder sogar nach außen gewölbt ist, ist es kritisch.
Wenn du dir unsicher bist, wiederhole den Test ein paar Tage später noch einmal in Ruhe. So bekommst du eher ein stimmiges Bild, statt dich von Tagesform, Fell oder einem flüchtigen Eindruck täuschen zu lassen.
Der Mähnenkamm (Cresty Neck)
Ein kräftiger Hals ist nicht automatisch ein Warnzeichen. Entscheidend ist, was du unter der Hand fühlst. Normale Muskulatur wirkt eher fest und gleichmäßig, Fell macht höchstens optisch mehr Volumen. Kammfett fühlt sich dagegen weich, schwammig oder wulstig an, manchmal sogar derb und verhärtet. Dann sitzt dort nicht einfach nur ein schöner Hals, sondern ein echtes Fettdepot.
Warnsignal: Der Mähnenkamm wirkt prall, lässt sich kaum noch biegen oder „kippt“ sogar zur Seite. Ein sehr dicker Hals ist oft ein Indikator für Stoffwechselprobleme wie EMS.
Die Schulter und der Widerrist
Auch hinter der Schulter und rund um den Widerrist zeigen sich Fettpolster oft früher, als man denkt. Wenn die Übergänge rund, weich und etwas verstrichen wirken, passt das eher zu Schulterfettpolstern als zu normaler Form. Ein klar gezeichneter Widerrist wirkt dagegen kantiger und hebt sich sauber vom Hals und Rücken ab.
- Lege die flache Hand hinter die Schulter, fahre langsam nach hinten und achte darauf, ob du weiches Polster statt klarer Kontur fühlst.
- Taste den Widerrist von beiden Seiten ab und prüfe, ob er sich deutlich absetzt oder in weichen Übergängen verschwindet.
- Vergleiche links und rechts, denn kleine Unterschiede fallen erst im direkten Vergleich auf.
Gerade beim Satteln lohnt sich dieser Blick. Was zuerst nur nach etwas mehr Fülle aussieht, kann in Wirklichkeit schon ein deutliches Fettdepot sein.

Rücken, Lendenpartie und Schweifansatz
Beim Rücken schauen viele sofort auf die Rückenrinne. Das ist verständlich, aber allein sagt sie noch nicht genug. Exterieur, Haltung und eine schwache Rumpftragemuskulatur prägen das Bild stark mit. Ein eingesunkener Rücken oder eine sichtbare Rinne bedeuten also nicht automatisch, dass zu viel Fett auf dem Pferd sitzt.
Verlässlicher wird es, wenn du Rücken, Lendenpartie und Schweifansatz zusammen beurteilst. Weiches Fett in der Lendenpartie und ein deutlich gepolsterter Schweifansatz sprechen eher für Übergewicht als die Rückenform allein. Fühlt sich die Partie dort rund, weich und nachgiebig an, statt klar und straff, ist das meist ein ehrlicherer Hinweis als der Blick auf die sogenannte Dachrinne.
Ein dicker Bauch (Heubauch) bedeutet nicht zwingend, dass das Pferd fett ist – das ist oft nur Luft oder viel Raufutter im Darm. Wirkliches Übergewicht erkennst du an den oben genannten Fettpolstern.
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Fett oder Muskeln? Diese Unterschiede musst du beim Gewichtbeurteilen kennen
Ein rundes Pferd ist nicht automatisch zu dick, aber der erste Blick täuscht im Stall erstaunlich oft. Darum lohnt es sich, immer das ganze Pferd zu beurteilen und nicht an einer einzigen Stelle hängen zu bleiben.
Bemuskelung, Fell und Pferdetyp können täuschen
Gerade im Winter wirkt vieles schnell massiger, als es unter der Hand wirklich ist. Ein dichtes Winterfell macht Konturen weich, wenig Training lässt den Körper anders wirken, und ein bestimmter Pferdetyp bringt von Haus aus mehr Substanz mit.
Auch fehlende Bemuskelung führt leicht in die Irre. Ein Pferd mit wenig Oberlinie kann gleichzeitig einen Bauch haben und trotzdem nicht überall verfettet sein. Umgekehrt kann ein Pferd auf Fotos noch ganz ordentlich wirken, obwohl an Mähnenkamm, Schulter, Rücken oder Schweifansatz schon deutliche Fettdepots sitzen. Darum zählt am Ende immer das Gesamtbild aus Rippen, Hals, Schulter, Rücken und Schweifansatz, nicht nur der erste Eindruck von der Seite.
Gerade leichtfuttrige Pferde brauchen einen strengeren Blick
Bei leichtfuttrigen Pferden und vielen Ponys solltest du besonders ehrlich hinschauen. Diese Typen geraten oft schon im Bereich, den viele noch als nur ein bisschen zu rund abtun, in einen stoffwechselkritischen Bereich. Was beim einen Pferd noch nach harmloser Reserve aussieht, kann beim nächsten schon zu viel sein.
Genau deshalb sind Themen wie Equines Metabolisches Syndrom und Hufrehe so wichtig. Vor allem Fettdepots am Mähnenkamm, an der Lendenpartie oder rund um den Schweifansatz solltest du bei robusten Rassen nicht auf die leichte Schulter nehmen. Lieber einmal strenger hingefühlt als ein Problem zu spät erkannt.
Gewichtsmanagement im Alltag: So prüfst du dein Pferd ohne Rätselraten
Am leichtesten erkennst du Veränderungen, wenn du nicht erst dann genauer hinschaust, wenn dir etwas komisch vorkommt. Ein fester Rhythmus mit Fotos und notiertem Body Condition Score nimmt viel Unsicherheit raus und zeigt oft früher, ob dein Pferd langsam runder wird.
Halte den Zustand mit Fotos und festen Abständen fest
Mach die Fotos möglichst immer am selben Platz, bei ähnlichem Licht und mit entspannt stehendem Pferd. So vergleichst du nicht Äpfel mit Birnen. Wenn du dazu den BCS kurz notierst, bekommst du nach ein paar Wochen ein viel klareres Bild als aus dem Bauch heraus.
- Alle zwei bis vier Wochen prüfen, bei leichtfuttrigen Pferden in der Weidesaison lieber etwas enger.
- Seitlich fotografieren, möglichst einmal von links und einmal von rechts.
- Von vorne und von hinten fotografieren, damit Hals, Schulter, Rücken und Hinterhand besser vergleichbar bleiben.
Wichtig ist nicht das perfekte Foto, sondern die Wiederholung unter ähnlichen Bedingungen. Gerade kleine Veränderungen an Mähnenkamm, Rippen, Lendenpartie oder Schweifansatz fallen im direkten Vergleich oft viel eher auf als im täglichen Vorbeigehen.

Was tun, wenn die Waage streikt?
Sollte dein Pferd den BCS-Check nicht bestanden haben: Keine Radikaldiät! Wenn Pferde hungern, riskierst du eine lebensgefährliche Hyperlipidämie (Fettstoffwechselstörung).
Der Fahrplan:
Futteranalyse: Wie viel Zucker steckt in deinem Heu? Braucht er wirklich das zuckerhaltige Müsli?
Bewegung: Mehr Schrittarbeit und gezieltes Training verbrennen Kalorien und kurbeln den Stoffwechsel an.
Fresspausen optimieren: Engmaschige Heunetze verlängern die Fresszeit, ohne die Kalorienmenge zu erhöhen.
Unterm Strich bringt der Body Condition Score also Ruhe in die Sache. Statt dich an Bauchgefühl oder Stallkommentaren festzuhalten, prüfst du gezielt die Stellen, an denen Fett wirklich auffällt. Genau so lässt sich später auch besser einschätzen, ob ein Pferd nur gerade etwas aus der Form geraten ist oder ob du wegen Themen wie EMS, Insulin Dysregulation oder Hufrehe genauer hinschauen solltest.
Fragen & Antworten
Der Body Condition Score (BCS) ist ein standardisiertes System zur Beurteilung des Ernährungszustandes. Dabei werden Fettpolster an bestimmten Körperstellen (z. B. Rippen, Schulter, Widerrist) ertastet und bewertet, anstatt sich nur auf das bloße Auge oder die Waage zu verlassen.
Es empfiehlt sich, den BCS einmal im Monat zu prüfen. Da man sein Pferd täglich sieht, fallen schleichende Veränderungen oft nicht auf. Fotos aus der Seitenansicht helfen dabei, die Silhouette über einen längeren Zeitraum objektiv zu vergleichen.
Die Waage verrät dir zwar das Gesamtgewicht, aber nicht die Körperzusammensetzung. Ein schweres Pferd kann sehr muskulös sein, während ein leichteres Pferd zu viel Fettgewebe haben kann. Der Tastbefehl (BCS) unterscheidet zwischen gesunder Muskelmasse und ungesundem Fett.











