Krebs – diese Diagnose ist ein Schock. Und immer häufiger werden die bösartigen Tumoren auch bei Pferden festgestellt. Dann ist das Strahlentherapiezentrum für Pferde und Kleintiere in Hessen oft die letzte Rettung. ehorses sprach mit Leiter Dr. Jan Kuntz über Strahlentherapie für Pferde, die Heilungschancen – und warum manchmal auch „Wunder“ möglich sind…
Er ist eher ein „Spätzünder“, wie er sagt. Zumindest wenn es um Pferde geht. „Ich habe nicht die klassische Reiterkarriere hinter mir“, so Dr. Jan Kuntz (40). „Ich bin erst im Studium mit Pferden in Berührung gekommen.“ Mittlerweile steigt er gerne in den Sattel, wenn er Zeit hat. „Ich lasse mich dann tragen“, sagt er lachend. „Beim Reiten bin ich kein Experte…“
Beruflich dagegen ist er Experte – wenn es um Krebs bei Pferden geht. Seit drei Jahren leitet Dr. Kuntz Equinox Healthcare in Linsengericht (Hessen), eine weltweit einzigartige Krebsklinik für Pferde und Kleintiere. Das Besondere: Hier können auch Pferde bestrahlt werden.
ehorses hat mit dem Veterinär gesprochen.
Seit wann ist Krebs bei Pferden bekannt?
Eigentlich weiß man schon ganz lange, dass es Krebs auch bei Pferden gibt. Die Melanome bei Schimmeln sind zum Beispiel schon sehr lange bekannt. Trotzdem ist das Wissen noch nicht überall gleich. Es gibt heute noch Kollegen, die einen Tumor erst einmal als Warze diagnostizieren. Und es gibt durchaus auch Menschen, die glauben: Pferde können nicht an Krebs erkranken. Dabei weiß man, dass es eigentlich bei allen Säugetieren Tumoren geben kann. Tatsächlich sind bislang lediglich Bären und Elefanten als Ausnahme bekannt. Sie bekommen vermutlich keinen Krebs. Aber warum – das weiß niemand…
Was ist die häufigste Krebsart bei Pferden?
Am meisten tritt Hautkrebs auf. Da gibt es drei Arten. Am häufigsten gibt es das Equine Sarkoid, ein Bindegewebstumor. Diese Art bildet keine Metastasen in den inneren Organen, breitet sich aber auf der Haut des Pferdes aus. Auf Platz 2 ist das Plattenepithelkarzinom, das relativ häufig bei hellem Fell im Bereich der Augen vorkommt. Auf Platz 3 ist das Melanom. Die bösartigen Melanome können auch metastasieren.

Gibt es auch andere Krebsarten bei Pferden?
Ja. Gelegentlich treten auch Tumoren in der Nasenhöhle, dem Mund oder Rachen auf. Hirntumoren sind extrem selten. Und Brustkrebs, an dem zum Beispiel auch Hündinnen erkranken können, gibt es Pferden in dieser Form nicht.
Bei Kolik-Operationen werden manchmal auch Wucherungen festgestellt. Das sind beispielsweise gutartige Tumoren, die um ein Stück Darm liegen. Bei anderen Tumoren, etwa in der Leber oder der Lunge, ist das Problem, sie überhaupt zu erkennen. Es gibt bei Pferden nicht die Möglichkeit, ein Ganzkörper CT oder MRT zu machen. Dadurch sehen wir einige Tumoren erst dann, wenn sie klinisch Probleme machen. Es bleiben also diagnostisch blinde Flecken.
Haben bestimmte Rassen ein höheres Krebsrisiko?
Ja, es gibt ganz klare genetische Faktoren. Schimmel, die schnell ergrauen, bekommen häufig ein Melanom. Bei Haflingern gibt es einen genetischen Faktor, der das Krebsrisiko erhöht. Deshalb wird im Rahmen der Zucht ein Gentest gemacht, um betroffene Pferde aus der Zucht zu nehmen.
Das Equine Sarkoid trifft häufig bei Quarter Horses, Arabern und Appaloosa auf. Aber das heißt nicht, dass alle Pferde dieser Rasse daran erkranken!
Gibt es auch geschlechtsspezifische Krebsarten?
Wie schon gesagt: Brustkrebs, die häufigste Krebsart bei Frauen, gibt es in dieser Form bei Pferden nicht. Das Plattenepithelkarzinom kann beim Wallach am Schlauch auftreten. Es ist in dieser Form also eine „Männerkrankheit“. Aber: Das Plattenepithelkarzinom kann auch im Genitalbereich von Stuten auftreten.

Gibt es eine Chemotherapie für Pferde?
Ja. Sie unterscheidet sich aber deutlich von einer Chemotherapie bei Menschen. Bei Menschen wird das Medikament in die Vene gegeben und breitet sich dadurch im Körper aus. Bei Pferden wird die Chemotherapie normalerweise lokal eingesetzt. Das heißt: Das Medikament wird lokal in den Tumor gespritzt oder als Salbe äußerlich auf der betroffenen Stelle aufgetragen. Es kann auch nach einer Operation ins Tumorbett gespritzt werden, um zu verhindern, dass der Tumor wieder wächst.
Warum bekommen Pferde keine Chemo wie Menschen?
In der Tiermedizin gehen wir anders daran, weil es einen großen Unterschied zwischen Menschen und Tieren gibt. Menschen haben eine Perspektive. Das heißt: Sie wissen, dass die Chemotherapie eine schwere Zeit wird – aber danach geht es ihnen besser. Menschen können Kraft aus dieser Perspektive schöpfen. Tiere können das nicht. Deshalb wird in der Tiermedizin so lokal wie möglich behandelt. Denn die Chemotherapie hat natürlich Nebenwirkungen – und wir versuchen die Lebensqualität zu erhalten.
Wie oft wird eine Chemotherapie durchgeführt?
Das ist ganz unterschiedlich. Nach einer Operation wird sie meist nur einmal gemacht. Als Salbe wird sie mehrmals die Woche, teilweise sogar täglich gemacht.
Gibt es Nebenwirkungen? Verlieren Pferde zum Beispiel ihr Fell?
Nein, das Fell verlieren Pferde nicht bei einer Chemotherapie. Aber wie schon gesagt: Zu den Nebenwirkungen können lokale Schmerzen gehören. Deshalb werden oft auch Schmerzmittel gegeben.

Was bewirkt die Bestrahlung bei Pferden?
Auf biologischer Ebene wirkt sie bei Pferden wie bei Menschen: Mit der Strahlung wird das Ergbut der Zelle geschädigt, so dass sie zugrunde gehen. Das ist wie ein körpereigenes Recycling. Die Bestrahlung ist millimetergenau, so dass vor allem die kranken Zellen getroffen werden. Auch die umliegenden gesunden Zellen werden bestrahlt, aber sie haben bessere Reparaturmechanismen und können regenerieren. Dadurch sterben eher die kranken Zellen ab.
Wie läuft eine Bestrahlung ab?
Dafür werden Pferde zuerst in die Ablegebox gebracht. Zwar dauert die Behandlung nicht lange, aber ein Pferd würde sich ja nicht ruhig hinlegen. Deshalb wird eine Vollnarkose angewendet. Wenn sie in Vollnarkose sind, werden sie mit einem Kran auf den Behandlungstisch gehoben. Wir wollen die Narkosezeit so kurz wie möglich halten und mit dem Kran dauert es nur ein paar Sekunden.
Die Bestrahlung selbst dauert nur ein paar Minuten. In dieser Zeit ist das Pferd allein im Strahlenbunker. Aber: Wir überwachen natürlich die Sauerstoffsättigung, das EKG etc. Sollte also etwas passieren, können wir die Bestrahlung sofort abbrechen und zum Pferd gehen.
Anschließend kommt das Pferd in die Aufwachbox. Dort versuchen wir alle akustischen und optischen Reize auszuschalten, so dass die Pferde ruhig aufstehen können.
Wie oft werden Pferde bestrahlt?
Je nach Tumor bis zu zehn Wiederholungen. Deshalb werden die Pferde bei uns stationär untergebracht – auch wenn sie aus dem nächsten Ort kommen. Wir haben zehn Boxen mit Paddocks, in denen die Pferde betreut werden. Je nach Tumor und Behandlung werden die Pferde dann auch bewegt. Bei einem Nasenhöhlenkarzinom ist Bewegung zum Beispiel wichtig, weil das die Atmung aktiviert und so das Sekret besser abfließt.

Welche Pferde kommen zu ihnen?
Alle. Wir haben Freizeitpferde, Familienpferde und auch Top-Sportler. Unsere Patienten kommen aus der ganzen Republik, aus Österreich, der Schweiz, Frankreich oder Schweden. Gerade haben wir ein Pferd aus Großbritannien bei uns.
Wie groß sind die Heilungschancen?
Diese Frage können wir nur von Fall zu Fall beantworten. Dafür spielt es zum Beispiel eine Rolle, was für ein Tumor es ist und wie viele Vorbehandlungen es gab. Wenn wir bei einem Equinen Sarkoid die ersten Behandler sind, haben wir eine Heilungschance von etwa 80 Prozent. Aber oft sind wir eher die fünfte Therapieoption. Und Heilung ist auch nicht immer das Ziel. Bei älteren Patienten geht es zum Beispiel darum, die Lebensqualität zu verbessern. Manchmal ist Krebs auch eine chronische Krankheit, das heißt es geht ‚nur‘ noch darum, die Krankheit zu managen. Dann kann eine palliative Strahlentherapie die Situation für die Pferde deutlich verbessern.
Haben Sie auch schon „Wunder“ vollbracht?
(lacht) Mediziner sprechen nicht von Wundern. Aber wir haben ‚Herzpatienten‘, also Pferde, die uns mit ihrer Geschichte ganz besonders ans Herz gewachsen sind. So wie Fritz, ein Welsh Pony. Er kam mit 25 Jahren zu uns, wog 220 Kilo – und hatte einen riesigen Tumor in den Nüstern. Der Tumor ist relativ schnell gewachsen. Und das Pony hatte eine Krebs-Vorgeschichte: Ein Auge wurde schon aufgrund eines Tumors entfernt.
Für uns steht die Lebensqualität und die Liebe zum Pferd an erster Stelle.
Dr. Jan Kuntz
Als ich von ihm hörte, war ich sehr skeptisch, ob wir dem Pony etwas Gutes tun. Aber seine behandelnde Tierärztin sagte, dass er sehr fröhlich ist und leben will. Also haben wir ihn mit allen Bedenken und Sorgen aufgenommen und bestrahlt. Mittlerweile ist das drei Jahre her, Fritz geht es super. Das zeigt: Das war das Beste, was wir tun konnten…
Haben Sie auch schon mal zu einer Behandlung Nein gesagt?
Bevor die Behandlung beginnt, erarbeiten wir mit den Besitzern eine Behandlungsstrategie. Und da kann es sein, dass es am Ende heißt: keine Behandlung. Denn es geht nicht darum, auf Biegen und Brechen ein möglichst langes Überleben zu erreichen. Für uns steht die Lebensqualität und die Liebe zum Pferd an erster Stelle.











