Das West-Nil-Virus (WNV) klang früher nach einer weit entfernten Gefahr, doch inzwischen breitet es sich rasant in Europa aus. Während es 2018 nur zwei Fälle bei Pferden in Deutschland gab, stieg die Zahl bis zum Jahr 2024 auf über 200 nachgewiesene Infektionen an. In unserem Webinar mit den Experten Florian Frers (Fachtierarzt für Innere Medizin) und Nina (Tierärztin bei Boehringer Ingelheim) haben wir die wichtigsten Fakten zu dieser ernstzunehmenden Bedrohung zusammengefasst.
Was ist das West-Nil-Virus?
Das Virus gehört zur Gruppe der Flaviviren, die Entzündungen des Gehirns oder der Hirnhäute verursachen können. Es ist eine Zoonose, betrifft also sowohl Menschen als auch Tiere. Die Infektion folgt einem komplexen Muster, bei dem das Virus auf einen „Vektor“ (Überträger) angewiesen ist. Eine direkte Ansteckung über Körperkontakt ist nicht möglich.
Die Übertragung folgt einem klaren Muster:
Vögel als Reservoir (Hauptwirte): Das Virus lebt natürlicherweise in Wildvögeln. Während einige Vögel das Virus nur in sich tragen, können andere Arten (wie Greifvögel) selbst schwer erkranken oder sterben.
Mücken als Überträger (Vektoren): Das Virus wird als „Arbo-Virus“ bezeichnet, da es durch Insekten (Arthropoden) übertragen wird. Die Übertragung erfolgt primär durch die gemeine Hausmücke, indem diese das Virus beim Stich eines Vogels aufnimmt. Innerhalb der Mücke vermehrt sich das Virus weiter, bevor diese ein Pferd oder einen Menschen sticht.
Pferd und Mensch als Fehlwirte: Sticht die infizierte Mücke ein Pferd oder einen Menschen, gelangt das Virus in deren Körper. Sowohl Pferde als auch Menschen gelten biologisch als Fehlwirte (oder Endwirte). Das bedeutet, dass das Virus in ihren Körpern zwar schwere Krankheiten auslösen kann, sich aber im Blut nicht stark genug vermehrt, um von einer weiteren Mücke wieder aufgenommen zu werden.
Da die Viruslast im Blut aber zu gering ist, ist eine Ansteckung von Pferd zu Pferd, von Pferd auf Mensch oder von Mensch zu Mensch (außer in extrem seltenen medizinischen Ausnahmefällen wie Organtransplantationen) ausgeschlossen.

Symptome: Wenn die Koordination versagt
Nicht jedes infizierte Pferd zeigt Symptome, doch bei etwa acht bis zehn Prozent kommt es zu klinischen Anzeichen. Die Inkubationszeit liegt zwischen zwei Tagen und zwei Wochen. Typische Warnsignale sind:
Allgemeinbefinden
Bevor die schweren Ausfälle sichtbar werden, zeigen viele Pferde unspezifische Symptome wie plötzliches Fieber oder eine deutlich reduzierte Futteraufnahme. Die betroffenen Tiere wirken oft matt, abwesend und zeigen ein allgemein reduziertes Interesse an ihrer Umwelt.
Neurologie
Besonders auffällig ist die Ataxie, bei der das Pferd die Hinterbeine unkoordiniert setzt und sichtbare Schwierigkeiten hat, eine gerade Linie zu halten. Ein weiteres typisches Anzeichen sind Muskelfaszikulationen, also ein unkontrolliertes Zittern einzelner Muskelgruppen, ohne dass dem Pferd kalt ist oder es berührt wird. In schweren Fällen tritt eine ausgeprägte Schwäche auf, die bis zum vollständigen Kontrollverlust über die Gliedmaßen und zum Festliegen führen kann.
Gesichtsnerven
Durch die Entzündung im Gehirn kann es zu Lähmungen kommen, die sich etwa durch eine schlaff hängende Oberlippe oder eine verschobene Nüster bemerkbar machen. Ebenfalls kritisch sind Schluckstörungen: Hierbei fließen Futterbestandteile oft als grünlicher Ausfluss aus der Nase wieder heraus, da sie nicht korrekt in die Speiseröhre transportiert werden können. Solche Ausfälle der Hirnnerven sind deutliche Indikatoren für eine Gehirnentzündung.
Verhaltensänderung
Die sogenannte Somnolenz beschreibt eine extreme Schläfrigkeit, bei der das Pferd selbst auf starke Reize wie Schmerz oder Wärme kaum noch reagiert. Im Gegensatz dazu kann es auch zu einer extremen Übererregbarkeit kommen, bei der das Tier schon auf leiseste Geräusche oder leichteste Berührungen mit Abwehr oder Panik reagiert. In seltenen Fällen zeigen die infizierten Pferde sogar völlig untypisches, aggressives Verhalten gegenüber ihrer Umwelt.
Diagnose, Therapie und Kosten
Das West-Nil-Virus ist in Deutschland anzeigepflichtig. Besteht der Verdacht auf eine Infektion, ist eine Untersuchung gesetzlich vorgeschrieben. Die Diagnose erfolgt über Bluttests auf spezifische Antikörper (IgM) im nationalen Referenzlabor (Friedrich-Loeffler-Institut).
Erschreckend ist die begrenzte Behandlungsmöglichkeit: Es gibt keine ursächliche Therapie gegen das Virus. Tierärzte können lediglich die Symptome bekämpfen, etwa durch Entzündungshemmer, Infusionen oder Haltevorrichtungen.
Diese Intensivbetreuung ist kostenintensiv:
Eine Klinikbehandlung kostet ca. 800 € bis 1.200 € pro Tag.
Muss das Pferd über den Venenzugang ernährt werden, steigen die Kosten auf etwa 2.000 € pro Tag.
Gesamtrechnungen von über 10.000 € sind keine Seltenheit.
Du möchtest mehr Infos zum West-Nil-Virus? Das vollständige Webinar mit allen Details findest du auf unserem YouTube-Kanal:
Prognose: Ein Überlebenskampf
Die Statistik ist ernüchternd: Bei schweren neurologischen Verläufen liegt die Sterblichkeitsrate bei bis zu 50 %. Von den Pferden, die überleben, erreichen nur 80 bis 90 % wieder ihre volle Leistungsfähigkeit. Das bedeutet, dass zwei von zehn Pferden lebenslange neurologische Schäden zurückbehalten.
Prävention: Impfen als einzige Sicherheit
Um das Risiko einer Infektion zu minimieren, sind folgende Schritte ein erster wichtiger Ansatz:
Brutstätten beseitigen: Regelmäßiges Leeren oder Abdecken von stehendem Wasser in Regentonnen, alten Badewannen oder ungenutzten Tränken.
Dämmerungsschutz: Aufstallen der Pferde während der besonders insektenintensiven Morgen- und Abenddämmerung.
Hygiene am Putzplatz: Vermeidung von Wasseransammlungen und Pfützen im direkten Umfeld der Tiere.
Insektenschutz: Einsatz von Fliegendecken, Masken oder Repellents, um die Stichwahrscheinlichkeit zu verringern
Die Impfung: Der entscheidende Schutzfaktor
Als einzig effektive und verlässliche Methode, um ein Pferd vor den gefährlichen Folgen des West-Nil-Virus zu bewahren, gilt daher die Schutzimpfung. Diese verhindert zwar nicht in jedem Fall, dass das Virus überhaupt in den Körper gelangt, bietet jedoch einen hocheffektiven Schutz vor den lebensbedrohlichen neurologischen Krankheitssymptomen. Für einen belastbaren Schutz ist eine Grundimmunisierung erforderlich, die je nach Impfstoff aus zwei Impfungen im Abstand von etwa drei bis fünf Wochen besteht. Um zur Hauptflugzeit der Mücken optimal geschützt zu sein, sollte dieser Prozess vor Beginn der Saison abgeschlossen sein, gefolgt von einer jährlichen Auffrischungsimpfung im Frühjahr, idealerweise im April oder Mai.

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Fragen & Antworten
Nein, nach derzeitigem Kenntnisstand ist keine Quarantäne für den Bestand erforderlich. Da das West-Nil-Virus ausschließlich über Mücken übertragen wird und nicht direkt von Pferd zu Pferd ansteckend ist, unterscheidet es sich grundlegend von hochkontagiösen Krankheiten wie dem Herpesvirus.
Bisher ist nicht bekannt oder nachgewiesen, dass Hunde an dem Virus erkranken. Experimentelle Studien haben gezeigt, dass sich das Virus im Hund nicht vermehrt oder ausbreitet, weshalb keine Gefahr für deine anderen vierbeinigen Begleiter besteht.
Ja, eine Impfung in Verbindung mit anderen Impfstoffen ist grundsätzlich möglich. Falls dein Pferd jedoch bekanntermaßen empfindlich auf bestimmte Impfungen reagiert, kann es sinnvoll sein, die Termine separat zu legen, um die Belastung für das Immunsystem zu steuern.
Fohlen können ab einem Alter von etwa sechs Monaten grundimmunisiert werden. Zu diesem Zeitpunkt lässt der natürliche Schutz durch die Antikörper aus der Muttermilch (Kolostrum) nach, sodass der eigene Aufbau des Immunsystems durch die Impfung notwendig wird.
Ja, die verfügbaren Impfstoffe sind für tragende und laktierende Stuten offiziell zugelassen. Eine Impfung zum Ende der Trächtigkeit kann sogar vorteilhaft sein, um dem Fohlen über die Biestmilch einen hohen Antikörperspiegel für den Start ins Leben mitzugeben.
Wenn die jährliche Frist überschritten wurde, ist der Impfschutz leider nicht mehr sicher gewährleistet. In diesem Fall muss die Grundimmunisierung (zwei Impfungen im kurzen Abstand) komplett neu durchgeführt werden, um das Pferd wieder effektiv zu schützen.











