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Vom Füttern – Ergänzungsfutter beim Pferd

von Amelie Maeder
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„Man kann, muss aber nicht.“ Diese kryptischen Worte gab es als Antwort, wenn man unseren Reitlehrer nach Ergänzungsfutter befragte.

Zugegebenermaßen war das in den frühen 90ern, also zu einer Zeit, in der man Pferde wegen Verletzungs- oder Ermüdungsgefahr auch nur spärlich auf die Weide stellte oder die nur Millimeter vor der Brust befindliche Pferdenase als Vorwärts – Abwärts reiten bezeichnete. Gut, dass sich seitdem einiges verändert hat.

Fehler bei der Fütterung

Allerdings wird mein Leben, seit ich wieder reite und ein eigenes Pferd besitze, zunehmend komplizierter. Heutzutage läuft man als Pferdebesitzer ständig Gefahr, irgendetwas potenziell Bedrohliches zu machen. Dies wird mir einmal mehr bewusst, als ich Mona in der Futterkammer treffe. Mona ist eine Reitstallfreundin. So eine wie sie – aufmerksame Leserin sämtlicher Fachzeitschriften und wissenschaftlicher Publikationen, engagierte Tierarzt-, Schmied- und Reitweisenbeurteilerin – gab es zu allen Zeiten. Selbstverständlich weiß sie immer, was das Beste fürs Pferd ist!

„Wie? Du fütterst nichts?“, fragt sie und schnaubt so verächtlich, als hätte ich ihr soeben gestanden, mein Pferd mit Kartoffelchips zu ernähren. „Ich dachte immer, das erledigt der Stallbesitzer für uns“, gebe ich spaßeshalber zurück und ernte einen vernichtenden Blick. „Reichen Kraftfutter, Heu und Gras von der Wiese denn nicht?“, setze ich schnell kleinlaut hinterher. „Natürlich füttere ich ab und zu Äpfel und ein paar Möhren.“ Ich möchte ja nicht als Totalversagerin da stehen. Auf Monas Stirn wächst eine steile Unmutsfalte.

„Nein, natürlich reicht das nicht!“, gibt sie zurück, während sie konzentriert den Inhalt aus fünf Tonnen mit einem Messbecher in ihre Futtereimer scheppt. „Weißt du denn nicht, dass der Nährstoffgehalt der Wiesen durch Überdüngung und Monokultur den Pferden nicht mehr das gibt, was sie brauchen?“ „Was bekommen denn deine Pferde?“, frage ich vorsichtig und versuche einen Blick in die randvoll gefüllten Eimer zu erhaschen.

Futterzusammensetzung

„Also meine Pferde erhalten zusätzlich: Gequetschte Gerste, aber möglichst im Hafer-Gerste Verhältnis 2:1, da Gerste mehr Kleberanteile hat, welche vom Hafer aufgeschlossen werden können. Dazu Leinsamen, aber nicht zu viel, wegen der Blausäurebildung im Magen. Mineralfutter, wie schon erwähnt, wegen der fehlenden Mineralien in Heu und Gras. Allerdings muss auch hier das Calzium-Phosphor Verhältnis stimmen. Außerdem kurmäßig Ingwer, Gelantine und Teufelskralle. Verteilt auf drei Mahlzeiten, da sonst die Gefahr der Übersäuerung im Magen besteht und das Ganze garniert mit einem Schuss Leinöl, damit die Vitamine aufgeschlossen werden können.“

Ergänzungsfutter

Während ich im Geiste kurz durchspiele, wie ich es schaffen soll, drei Mal am Tag hier aufzukreuzen, um dem braven Pferd seine Mahlzeiten zu servieren, schwirrt mir der Kopf. Da ich mir a.) diese Blöße nicht noch einmal geben und b.) mein neues Pferd auch nicht umbringen möchte, begebe ich mich an die Recherche. Im Fachhandel und im Internet. Ganze Foren erörtern ausgiebig die Vor- und Nachteile von Müslimischungen, Mineralfutterzusätzen und Ergänzungsfutter.

„Ich weiß nicht, was ich unserem Pferd zufüttern soll“, jammere ich abends meinem Mann vor. Das Pronomen wähle ich übrigens ganz bewusst, eigentlich ist Figo nur mein Pferd. Mein Ehemann reagiert erwartungsgemäß verständnislos: „Der Gaul bekommt drei Mal am Tag eine Mahlzeit in einem Stall, der so viel kostet wie das monatliche Leasing eines neuen Mittelklasseautos. Man sollte doch meinen, das reicht. Und übrigens hast du dir um die Ernährung deiner Familie noch nie so viel Gedanken gemacht.“

Fazit: Ergänzungsfutter Pferd

Schon bewegen wir uns auf dünnem Eis. Denn 1.) ist Figo kein Gaul, 2.) habe ich noch nie den Wunsch nach einem neuen Mittelklassewagen geäußert und 3.) stimmt das mit der Kinderernährung auch nicht. Was folgt ist eine schlaflose Nach, in der mich böse Geister verfolgen, die Zinkmangelsymptom, Immunschwäche, Herzmuskelfunktionsstörung, Haarausfall, Verspannung, Muskelstoffwechselproblem, Schweratmigkeit, Mauke, Sommerekzem, Nervosität und Schreckhaftigkeit heißen.

Morgens bin ich schweißgebadet. Erst nach ein paar Stunden stellt sich der gesunde Menschenverstand wieder ein. So ganz Unrecht hatte mein alter Reitlehrer nicht: „Man kann, muss aber nicht.“

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2 Kommentare

Petra 14. März 2016 - 20:57

Und damit ist auch gut. Man könnte, muss aber keineswegs. Unsere Pferde sind in unserer Wohlstandsgesellschaft meistens zu gut genährt. Schlimmstenfalls werden sie dann durch Überfütterung auch noch krank. Meine bekommen ein Möhrchen beim holen aus dem Offenstall, noch eins wenn ich sie wieder nach getaner Arbei wegbringe. Wenn sie mich hören, kommen Sie sofort zu mir. Ansonsten vom Stallteam mit Heu und etwas Kraftfutter. Basta

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Cedric 4. August 2016 - 21:40

Danke für den tollen Artikel. Tolle Fakten und Daten zum Lernen. Unsere Pferde werden sich freuen.

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