Über Alter, Erfahrung und den richtigen Typ bei ET und ICSI
Bei Embryotransfer (ET) und ICSI richtet sich der Fokus häufig auf Genetik und Labortechnik. Doch einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren liegt nicht im Labor, sondern auf der Weide. Die Empfängerstute bestimmt maßgeblich das Umfeld, in dem sich ein Fohlen entwickelt. Zur Einordnung sprachen wir mit zwei renommierten Experten: dem niederländischen Sportpferdezüchter und -händler Egbert Schep sowie dem belgischen Züchter, Hengsthalter und Tierarzt Joris de Brabander.
Alter: jung oder erfahren?
Für Egbert Schep beginnt alles mit Qualität – auch bei der Empfängerstute. „Der erste Schritt zu einem guten Fohlen ist eine gute Stute, und das gilt genauso für eine gesunde, junge Empfängerstute. Davon ist er überzeugt. Keine alten Stuten: „Wir arbeiten am liebsten mit Empfängerstuten im Alter von etwa drei bis zehn Jahren. Einige ältere Stuten haben wir noch im Bestand, aber das sind Stuten, die bereits länger in unserem Programm stehen und die wir gut kennen. Älter als zehn Jahre kaufen wir jedoch keine mehr an.“
Schep arbeitet mit einer festen Gruppe von vierzig bis fünfzig Empfängerstuten und verfolgt ein rotierendes System: „Unsere Zuchtstrategie basiert auf mehreren parallel geführten Programmen. Die besseren dreijährigen Stuten lassen wir zunächst einmal selbst ein Fohlen bekommen, bevor sie anschließend in den Sport gehen. Darüber hinaus spülen wir einige junge Sportstuten; die gewonnenen Embryonen werden vorzugsweise in eigene Empfängerstuten eingesetzt. Mit einigen älteren Stuten arbeiten wir im OPU/ICSI-Verfahren, wobei auch diese Embryonen in unsere eigenen Empfängerstuten übertragen werden.“
Joris de Brabander bringt an dieser Stelle eine wichtige Differenzierung ein. In der Praxis werden bei ICSI häufig junge Maidenstuten eingesetzt und das hat seiner Ansicht nach Konsequenzen. „Bei jungen Stuten sehen wir häufiger, dass die Fohlen etwas kleiner geboren werden. Meist handelt es sich um Erstlingsfohlen, mit allen entsprechenden Folgen: Das Kolostrum enthält in der Regel weniger Antikörper, die Milchleistung ist geringer, und das Fohlen entwickelt sich anschließend langsamer. In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen einer genetischen Mutterstute und einer Empfängerstute.“
Er betont, dass erfahrene Stuten als Muttertiere oft stabiler sind: „Stuten, die ihr zweites, drittes oder fünftes Fohlen bekommen – in der Regel zwischen sieben und fünfzehn Jahren – erweisen sich deutlich häufiger als bessere Muttertiere als drei- oder vierjährige Stuten.“
Hinter jeder hochmodernen Zuchtmethode steht ein biologisches Fundament: die Empfängerstute. Wer bei ET und ICSI nur auf die Labortechnik schaut, verkennt das volle Potenzial und das Risiko. Eine exzellente Genetik benötigt zwingend ein exzellentes ‚Nest‘. Die Empfängerstute ist kein neutraler Träger, sondern der erste, prägende Umweltfaktor im Leben eines künftigen Sportpferdes. Zucht beginnt daher nicht erst mit der Befruchtung im Labor, sondern mit der sorgfältigen Auswahl der Stute, die diese Verantwortung auf der Weide trägt.
Adriana van Tilburg
Das Milieu im Mutterleib
Nach Ansicht von de Brabander ist die Empfängerstute keineswegs eine „neutrale Trägerin“, sondern ein aktiver Umweltfaktor. „Der Einfluss einer Empfängerstute ist im Grunde derselbe wie der der genetischen Mutter auf ihr Fohlen. Es handelt sich um einen sehr wichtigen Umweltfaktor. Ist eine Stute nervös, wächst das Fohlen in einem nervösen Umfeld auf. Ist die Stute mager, dann ist auch das Milieu, in dem sich das Fohlen entwickelt, entsprechend eingeschränkt.“
Zudem ist die Empfängerstute Teil eines größeren Gesamtsystems. „Auch der Züchter selbst spielt eine große Rolle: sein Betrieb, die vorhandenen Einrichtungen, die Qualität des Bodens, die Ställe und das Klima. Diese Faktoren sind möglicherweise ebenso entscheidend wie die Stute selbst. Die Empfängerstute ist Teil eines vollständigen Gesamtprozesses.“
Typ und Charakter
Für Schep muss eine Empfängerstute vor allem gesund und großzügig gebaut sein. „Eine Empfängerstute muss in erster Linie gesund und rahmig sein; sie darf kein fragiler Typ sein. Wichtig ist mir auch, dass es keine ‚kalten‘ Stuten sind. Sie müssen sich bewegen, denn wenn die Stute sich bewegt, bewegt sich auch das Fohlen.“
Er arbeitet unter anderem mit Traberstuten: „Solange es große, großzügige Pferde sind, halte ich Traber für ideal, weil sie bereits als junge Pferde viel in der Hand waren und in der Regel sehr brav und unkompliziert sind.“
Auch de Brabander wählt seine Empfängerstuten bewusst nach Typ und Charakter aus. „Wir verwenden heutzutage nahezu ausschließlich französische Traberstuten als Empfängerstuten. Diese Pferde haben häufig bereits eine Grundausbildung erhalten. Sie haben gearbeitet, waren eingespannt, haben auf Plätzen trainiert und sind verschiedene Situationen gewohnt. Das spiegelt sich in ihrem Charakter wider. Französische Pferde sind im Allgemeinen nach unserer Erfahrung ruhiger und verlässlicher.“ Gerade dieser Charakter ist seiner Ansicht nach sehr wichtig, sei es beim Transport, bei der Synchronisation oder im täglichen Handling.
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Keine Nebensache, sondern Basis
Während bei ET und ICSI häufig die Technik im Vordergrund steht, machen beide Züchter deutlich, dass die Empfängerstute keineswegs eine Nebensache ist. „Die Empfängerstute ist ein sehr wichtiger Umweltfaktor“, so de Brabander.
Und Schep fasst es pragmatisch zusammen: „Der erste Schritt zu einem guten Fohlen ist eine gute Stute.“
Wer also in Embryotransfer oder ICSI investiert, investiert nicht nur in Genetik oder Labortechnik, sondern ebenso in eine sorgfältig ausgewählte Empfängerstute hinsichtlich Alter, Charakter, Erfahrung und Management. Letztlich trägt sie nicht nur den Embryo, sondern legt einen wesentlichen Teil des Fundaments, auf dem sich das spätere Sportpferd entwickelt.
Fragen & Antworten
Eine Empfängerstute ist eine Leihmutter, in deren Gebärmutter bei Verfahren wie Embryotransfer oder ICSI ein genetisch fremder Embryo implantiert wird, damit sie die Trächtigkeit bis zur Geburt des Fohlens vollendet.
Die Einnistung nach dem Embryotransfer wird primär durch eine exakte hormonelle Synchronisation des Zyklus von Spender- und Empfängerstute sowie durch ein stressfreies Haltungsmanagement in den Tagen nach dem Eingriff begünstigt.











