Startseite » Wie lange kann man ein Pferd reiten?

Wie lange kann man ein Pferd reiten?

von Ann-Christin Villnow
2 Kommentare

„Wie lange kann man ein Pferd reiten?“ – eine Frage, die sich viele Reiter stellen. Sicherlich kennst Du die folgende Situation: Man befindet sich auf dem Weg in den Reitstall und weiß, heute steigt man nicht in den Sattel. Vielleicht geht es einem nicht so gut, man hat nur wenig Zeit oder aber das Wetter spielt nicht mit. Vielleicht hat das Pferd die letzten Tage so gut mitgearbeitet, dass man ihm eine kleine Pause gönnen will oder man hat schlicht und ergreifend einfach mal keine Lust zum Reiten. Dennoch stellt man sich natürlich die Frage: kann oder muss ich denn mein Pferd jeden Tag reiten?

Programm im Stall

Aus welchem Grund auch immer, Reiten steht nicht auf dem Plan. Man kommt also mit einem anderen Programm im Kopf im Stall an: Heute gehen wir spazieren. Oder man lässt seinen Vierbeiner laufen. Vielleicht longiert man auch? Ein bisschen Bodenarbeit wäre auch mal wieder nett. Oder es wird einfach ein schöner, langer Koppeltag eingelegt. Für welche Alternative man sich auch entscheidet, man stratzt glücklich Richtung Box und schnappt sich den Vierbeiner, der heute einen reitfreien Tag genießen soll. Kaum hat man die Stallgasse mit dem Pferd am Strick verlassen, um was auch immer zu tun, kommt einem die Stallkameradin xy entgegen. Mit erstauntem Blick fragt sie: „Ach, reitest du heute gar nicht?!“ Pferdemenschen, die einer gewissen Routine folgen und beispielsweise immer montags reitfrei haben oder samstags immer fest laufen lassen, bekommen vielleicht sogar noch die gesteigerte Variante zu hören: „Ach, reitest du heute schon wieder nicht?!“

Egal in welcher Tonlage man antwortet, die Aussage „Nein, mein Pferd hat heute reitfrei“ sorgt für einen ungläubigen bis entgeisterten Gesichtsausdruck bei Kameradin xy. Kann ja wohl nicht wahr sein, der Zosse wird heute nicht geritten? Wozu ist er denn da? Ganz schön faul. Man muss doch trainieren, Muskeln wachsen ja schließlich nicht über Nacht, liest man doch in jedem Internetforum. Und das Pferd braucht doch Bewegung! Und überhaupt, die reitet nicht! Tierquälerei!

Training kann nicht schaden, oder?

Man schlurft also zähneknirschend an xy vorbei und fühlt sich vielleicht sogar ein bisschen schlecht – hat xy etwa Recht? Sollte man doch lieber reiten? Muss mein Pferd bewegt werden? Training kann ja eigentlich nicht schaden…

Ich durfte diese Situation immer mal wieder miterleben – sowohl mit verständnisvollen und netten Stallkameraden als auch mit den Belehrenden, Entgeisterten und Geschockten. Warum? Mein Pferd hat regelmäßig ein bis zwei Tage in der Woche reitfrei. An diesen Tagen geht es nur auf die Koppel oder zum Austoben in die Halle. Wahlweise wird auch longiert oder ein wenig im Schritt durch die Gegend gelaufen. Jeden Tag Reiten gefällt meiner Schimmeldame nicht und wenn ich ehrlich bin: Mir auch nicht. Ich böser Mensch! Also wenn Du dich fragst, wie lange kann man ein Pferd reiten oder wie oft muss ein Pferd bewegt werden, dann warst Du vielleicht schon mal in einer ähnlichen Situation.

Wie lange kann man ein Pferd reiten: ist Reiten das einzig Wahre?

Tatsächlich gibt es eine erschreckend große Anzahl an Pferdemenschen, die der Meinung zu sein scheinen, dass nur Reiten das „einzig Wahre“ ist. Ein Reitpferd ist zum Reiten da, also muss es auch geritten werden, ganz einfach! Bei der Frage nach Argumenten für das tägliche Reiten an 365 Tagen im Jahr hört man die lustigsten Geschichten. „Der muss im Training bleiben“, „Wir müssen die und die Lektion vertiefen, ehe sie in Vergessenheit gerät“, „Ich muss mein Pferd jeden Tag reiten!“ oder „Was soll ich denn sonst machen?“ sind nur einige Antworten, die ich im Laufe der letzten Jahre zu hören bekam.

Natürlich kam ich auch ins Grübeln und habe mich gefragt, ob ich vielleicht komisch denke und tatsächlich öfter reiten sollte. Schlussendlich hat mein Pferd mir die Entscheidung abgenommen. Spätestens nach dem fünften Tag Reiten in der Bahn ist jegliche Motivation vollständig verschwunden – und glaubt mir, die Schimmeldame kann sehr kreativ werden, wenn sie keine Lust mehr hat! Dementsprechend reagiere ich inzwischen ziemlich gelassen, wenn mich jemand ohne Reitklamotten und mit dem Pferd an der Hand über den Hof dackeln sieht. Ja, ich reite heute nicht – und mein Pferd lebt noch!

Pferd jeden Tag reiten: Wann ist eine Pause sinnvoll?

Pferd und Reiter sollten ihren eigenen Rhythmus und ihren eigenen Trainingsplan finden und verfolgen, ganz unabhängig von der Meinung anderer. Es mag tatsächlich Pferde geben, die echte Arbeitstiere sind und jeden Tag geritten und trainiert werden wollen. Genauso wird es Vierbeiner geben, die wie meine Stute die weiße Flagge hissen, wenn es Tag für Tag ans Reiten geht. Viele Pferde können mit Abwechslung im Training deutlich mehr anfangen als mit Reiten a la „Täglich grüßt das Murmeltier“. (Reit-)Pausen müssen also nicht schädlich sein, wie viele Reiter scheinbar annehmen und diese Meinung auch mit empörten Blick offen kundtun.

Vielmehr können reitfreie Tage häufig sogar förderlich für den Muskelaufbau, das Miteinander und die Motivation sein. Viele Fachleute warnen gar vor Ermüdungserscheinungen und Leistungseinbußen bei zu hartem oder zu lang anhaltendem Training an aufeinanderfolgenden Tagen. Zusätzlich dazu gibt es unheimlich viele tolle Alternativen zum Reiten! Diese bringen nicht nur Spaß und Abwechslung ins Training, sondern helfen auch dabei, unsere Pferde mehrheitlich trainieren und fördern. Wer hat schon Lust darauf, tagein, tagaus das gleiche Programm abzuspulen? Dennoch hat man manches Mal das Gefühl, verpönt zu werden, wenn man nicht reitet.

Fazit: Wie lange kann man ein Pferd reiten?

Unser Sport ist sicherlich dann am Schönsten, wenn wir ihn vom Pferderücken aus genießen können – aber auch dieser Rücken braucht vielleicht einmal eine Pause. Natürlich sollten die reitfreien Tage und die Trainingstage in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, aber ein Päuschen dann und wann schadet niemandem – im Gegenteil! Also gönnt euch und euren Pferden einen reitfreien Bummeltag, wenn ihr das Gefühl habt, dass es notwendig ist.

Lasst Stallkollegin xy Tag für Tag und Runde um Runde auf dem Reitplatz herumzirkeln. Nach einem anstrengenden Arbeitstag, bei 30 Grad im Schatten oder nach einem richtig guten Training am Vortag setze ich mich lieber an den Rand und gucke zu – natürlich mit meiner Schimmeldame an der Hand. Die soll schließlich auch an reitfreien Tagen gut beschäftigt werden!

Ähnliche Beiträge

2 Kommentare

Captiva 9. Juli 2016 - 12:05

Hallo,
die Zeilen sprechen mir aus s der Seele… auch ich werde immer wie eine Exotin mitleidig angeschaut, wenn ich mit meiner Stute (die es sichtlich genießt?) ein paar wir nennen
es „wellnesstage“ einlege …

Antworten
Anonymous 12. Juli 2016 - 15:51

Hallo,

ein wirklich schöner Artikel zu dem Thema!
Ich komme mir manchmal auch komisch vor, wenn mich die Leute fragen, ob ich heute denn nicht reiten würde. Da fragt man sich doch desöfteren, ob man sich nicht doch zusammenreißen sollte, um dem Pferd „augenscheinlich“ gutes zu tun. Nein. Sollte man nicht!
Wie du so schön geschrieben hast wirkt es sich sehr positiv aus Pausen zu nehmen. Für den Reiter und das Pferd! Ich bin jetzt ungefähr 3 Jahre lang hintereinander jeden Tag aufs Pferd gestiegen. Im zweiten Jahr waren es meist zwei bis drei Pferde am Tag. Eine unglaubliche Belastung. Und ich bin kein Berufsreiter. Es sind alles meine eigenen Pferde gewesen. Jetzt nachdem ich älter geworden bin, einige Zeit alleine wohne und eine Ausbildung angefangen habe, schaffe ich es kräftemäßig einfach nicht mehr jeden Tag auf das Pferd.

Und ich habe ehrlich gesagt keinen negativen Unterschied festgestellt, seit dem ich nicht mehr jeden Tag mit meinem Turnierpferd am ackern bin. Wie du sagst :“Zwei Tage in der Woche ohne reiten ist keine schande“. Mein Pferd lebt. Es ist gesund und ausgeglichen. Es bockt und beißt nicht. Es ist aufmerksam und, freut sich über Zuwendung und zeigt sich lernbereiter als je zuvor.

Ich würde auch sagen – mein Pferd ist glücklich darüber nicht jeden Tag laufen zu müssen.
Und ich bin es auch.

Liebe Grüße

L. B

Antworten

Schreibe einen Kommentar

* Mit der Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Speicherung und Verarbeitung Deiner Daten durch diese Website einverstanden.