Home PferdewissenPferd umdecken im Frühling: 5 Tipps gegen das gefährliche Schwitzen unter der Decke!

Pferd umdecken im Frühling: 5 Tipps gegen das gefährliche Schwitzen unter der Decke!

von Michelle Breitenfeld

Der 12-Grad-Fehler: Warum dein Pferd jetzt mehr leidet als im Winter

Stell dir vor, du stehst in einer dicken Daunenjacke in der prallen Mittagssonne. Unangenehm? Für dein Pferd ist es schlimmer. Während wir Menschen bei 12°C gerade erst die Übergangsjacke auspacken, liegt die Wohlfühltemperatur von Pferden zwischen 5°C und 15°C.

Das Problem im Frühling: Die extremen Temperaturschwankungen zwischen eiskalten Nächten (-2°C) und sonnigen Tagen. Wer hier starr bei der 300g-Winterdecke bleibt, riskiert Hitzestau, Kreislaufprobleme und schmerzhafte Muskelverspannungen durch nassgeschwitztes Fell.

Damit dein Pferd gesund und entspannt durch den Fellwechsel kommt, haben wir hier 5 wertvolle Tipps zusammengestellt, wie du im Frühling richtig ein- und umdecken solltest:

TIPP 1:

Die Goldene Regel der 10 Grad

Die Thermoregulation des Pferdes ist ein Wunderwerk der Natur. Solange wir nicht zu massiv eingreifen.

  • Ungeschorene Pferde: Brauchen unter 10°C meist gar keine Decke oder nur einen leichten Regenschutz (0g), damit das Fell sich aufstellen kann.
  • Geschorene Pferde: Hier fehlt die Isolierschicht. Unter 10°C ist eine leichte Decke (z.B. Fleece-Lining) Pflicht, da die Haarbalgmuskeln ohne Haare ins Leere arbeiten.
TIPP 2:

Die “Zwiebeltaktik” – Flexibilität schlägt Füllmenge

Statt auf eine einzige, starre und schwere Decke zu setzen, ist im Frühling ein modulares Schichtsystem, das sogenannte Layering, der absolute Gamechanger. Eine schwere Decke lässt dir keinen Spielraum: Entweder dein Pferd trägt die volle Wattierung oder es steht ganz ohne da. Bei den aktuellen Temperatursprüngen ist das oft ein gefährlicher Kompromiss.

Warum das Zwiebelprinzip im Frühling unschlagbar ist:

  • Reaktionsfähigkeit auf den Wetterbericht: Sinken die Temperaturen nachts doch noch mal Richtung Gefrierpunkt, fügst du abends einfach eine dünne Schicht hinzu. Steigt das Thermometer am Vormittag rasant an, kannst du beim ersten Stallbesuch die Unterdecke mit wenigen Handgriffen entfernen. Dein Pferd bleibt durch die Regendecke weiterhin vor Wind geschützt, ohne unter einer zu dicken Wattierung zu “garen”.

  • Vermeidung von Hitzestau: Da Wärme nach oben steigt, staut sie sich unter dicken, einteiligen Decken massiv an, sobald die Sonne auf den Stoff trifft. Mehrere dünne Schichten lassen eine bessere Luftzirkulation zu und ermöglichen es dir, das “Heizlevel” exakt zu steuern.

  • Praktischer Pflege-Vorteil: Ein oft unterschätzter Pluspunkt: Unterziehdecken lassen sich meist problemlos in der heimischen Waschmaschine reinigen. So kannst du die Schicht, die direkt auf dem Fell liegt, regelmäßig waschen und Schweißrückstände entfernen, während die große, sperrige Outdoordecke sauber bleibt.

TIPP 3:

Fleece-Lining statt dicker Wattierung: Der Klimamanager für die Übergangszeit

Die Regendecke mit Fleece-Innenfutter ist wichtig im Frühjahr. Während herkömmliche Wattierungen (wie 100g oder 200g Füllungen) die Wärme oft nur starr einschließen, wirkt Fleece wie ein intelligentes Luftpolster. Es isoliert gerade so viel, dass dein Pferd bei kühlen Windböen nicht auskühlt, bietet aber gleichzeitig genug Atmungsaktivität, damit überschüssige Hitze bei den ersten Sonnenstrahlen entweichen kann. Es ist die ideale Wahl für Tage, an denen eine reine Regendecke zu wenig und eine Winterdecke schon viel zu viel wäre.

Der Clou ist die integrierte Abschwitzfunktion: Im Frühling schwitzen Pferde unter der Decke oft „still“ nach, wenn die Sonne plötzlich hinter den Wolken hervorkommt. Das Fleece-Lining zieht diese Feuchtigkeit aktiv vom Fell weg und transportiert sie nach außen. Das verhindert den gefährlichen „Kühlschrank-Effekt“, bei dem das Pferd unter einer nassen Innenseite auskühlt, sobald es abends wieder schattig wird. So bleibt die Muskulatur warm und trocken, ohne dass dein Pferd unter der Decke „gart“.

TIPP 4:

Der Hand-Check (Aber richtig!)

Verlass dich bei der Temperaturkontrolle niemals auf die Ohren deines Pferdes. Kalte Ohren bedeuten lediglich, dass die Extremitäten weniger durchblutet werden, um die Wärme im Körperkern zu halten. Sie sagen jedoch nichts darüber aus, ob das Pferd unter der Decke friert oder bereits überhitzt. Für einen zuverlässigen Check schiebst du deine Hand flach unter die Decke bis hinter die Schulterpartie. Dort befindet sich das wahre “Thermometer” deines Pferdes.

Achte beim Fühlen auf folgende Anzeichen, um die aktuelle Lage richtig einzuschätzen:

  • Warm und trocken: Das Ziel! Dein Pferd ist perfekt eingedeckt und die Thermoregulation arbeitet im optimalen Bereich.

  • Heiß und klamm: Die Decke ist zu dick. Dein Pferd hat bereits angefangen zu schwitzen, um die überschüssige Hitze loszuwerden.

  • Kalt und struppig: Hier fehlt Wärme. Wenn sich die Haut kühl anfühlt und das Fell (soweit unter der Decke möglich) gesträubt wirkt, ist eine zusätzliche Schicht nötig.

  • Feuchte Haare an der Brust: Oft ein Zeichen für Hitzestau, der nach vorne entweicht. Die Decke sollte gegen ein leichteres Modell getauscht werden.

Solltest du unter der Decke auch nur einen Hauch von Feuchtigkeit spüren, ist schnelles Handeln gefragt. Dieses „stille Schwitzen“ ist im Frühling besonders tückisch: Die Feuchtigkeit im Fell zerstört die natürliche Isolationsschicht der Haare komplett. Sobald die Sonne untergeht oder die Temperaturen nachts wieder unter den Gefrierpunkt fallen, sorgt die Nässe auf der Haut für einen rasanten Wärmeverlust. Paradoxerweise friert dein Pferd dann nachts viel mehr, als wenn es eine dünnere Decke getragen hätte. Ein trockener Pferderücken ist im Frühjahr die wichtigste Versicherung gegen Husten und schmerzhafte Rückenverspannungen.

TIPP 5:

Wann darf die Decke ganz weg?

Der Moment, in dem die Decke im Stallschrank verschwindet, ist für viele Reiter der „Moment der Wahrheit“. Doch Vorsicht vor vorschneller Euphorie: Nur weil mittags die Sonne lacht, ist die Decken-Saison nicht automatisch beendet. Der entscheidende Faktor für das „Nackig-Laufen“ ist nicht der Höchstwert am Tag, sondern die Stabilität der Nachttemperaturen. Pferde kommen mit trockener Kälte gut klar, aber der abrupte Wechsel von künstlicher Wärme unter der Decke zu nächtlichem Frost ohne Schutz kann das Immunsystem massiv überfordern.

Bevor du die Decke endgültig weglässt, solltest du diese Checkliste abhaken:

  • Die 7-Grad-Marke: Bleiben die Temperaturen auch nachts über mehrere Tage stabil über 5°C bis 7°C? Dann ist das Risiko einer Unterkühlung gering.

  • Gesundheitscheck: Ist dein Pferd fit und im optimalen Futterzustand? Senioren oder Pferde mit Stoffwechselthemen (wie Cushing oder PSSM) brauchen oft länger Schutz, da sie mehr Energie für die eigene Wärmeproduktion verbrauchen.

  • Witterungsschutz: Steht ein trockener, windgeschützter Unterstand zur Verfügung? Wind und Nässe entziehen dem Körper deutlich mehr Wärme als stille Kälte.

  • Fellzustand: Hat das Pferd bereits genügend schützendes Übergangsfell gebildet oder ist es noch sehr kurz (z.B. nach einer Spätschur)?

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, ist das Ablegen der Decke ein wahrer Segen für die Gesundheit.

Beim Eindecken im Frühling gilt: Weniger ist oft mehr. Wir neigen dazu, unser eigenes Kälteempfinden auf unsere Pferde zu übertragen. Doch wahre Fürsorge bedeutet in dieser Jahreszeit, die natürliche Thermoregulation des Pferdes zu unterstützen, statt sie durch zu dicke Decken kurzzuschließen.

Michelle
Redakteurin bei ehorses

Dein Spickzettel: Die Temperatur-Tabelle

TemperaturUngeschorenGeschoren
+10°CKeine Decke / 0g RegenschutzDünne Baumwolle / Fleece
+5°C0g Regendecke / Fleece50g – 150g Füllung
0°Cca. 100g – 150g Füllungca. 200g – 300g Füllung

Höre auf dein Pferd, nicht auf dein eigenes Frieren! Ein bisschen “Warm-Zittern” ist ein natürliches Training für die Muskeln, während Dauer-Schwitzen das Immunsystem schwächt.

Fragen & Antworten

Schiebe deine Hand tief unter die Decke bis hinter die Schulterpartie. Fühlt es sich dort feucht, klamm oder extrem heiß an, ist die Decke zu dick. Ein Pferd sollte unter der Decke stets trocken sein, da Staunässe zu Kreislaufproblemen und Hautirritationen führen kann.

Zittern ist ein natürlicher Reflex der Thermoregulation, um Körperwärme zu erzeugen, ähnlich wie Sport für uns. Ein kurzes Zittern bei einem Regenschauer ist meist unbedenklich. Hält das Zittern jedoch über Stunden an oder wirkt das Pferd apathisch, ist die Decke (oder ein Unterstand) zwingend notwendig.

Nur bedingt. Eine klassische Abschwitzdecke ist nicht wasserabweisend. Wenn es im Frühling regnet, saugt sie sich voll und kühlt das Pferd extrem aus. Nutze für draußen lieber eine ungefütterte Regendecke mit Fleece-Innenfutter. Sie bietet den Abschwitz-Effekt, schützt aber vor Wind und Nässe.

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