Die Amerikanerin Morgan Wagner bekam Endo als Fohlen, da war sie gerade 13 Jahre alt. Mit acht Jahren wurde bei dem Appaloosa-Wallach die Mondblindheit festgestellt. Mit 13 Jahren war er vollkommen blind. Das Unglaubliche: Heute hat „Endo the Blind“ sogar drei Guinness-Rekorde. Eine Geschichte über Mut und Vertrauen, die zeigt: Blinde Pferde sind zu allem fähig…
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Dieses Zitat stammt aus dem Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry – und es passt auf kaum jemanden so gut, wie auf den Schimmel Endo. Denn der Appaloosa zeigt, dass man mit Vertrauen und Mut alles erreichen kann…
Endos Geschichte begann vor 22 Jahren. Da war er ein Fohlen und kam zu einem 13-jährigen Mädchen Morgan Wagner. Genauer: Sie entdeckte ihn. Wagners Großmutter hatte dem Mädchen gesagt, dass sie sich ein eigenes Pferd aussuchen dürfe. In der Herde bemerkte Wagner ein Pferd, das eine „Präsenz“ hatte, obwohl es nur wenige Monate alt war. Dieses Pferd war Endo. „Als junges Pferd war er unheimlich nervös und hitzig, aber er war auch intelligent und liebevoll“, sagte Wagner zu FEI.org.
Mit acht Jahren die Diagnose: Mondblindheit
Schnell wurden die beiden ein unzertrennliches Team. Dann der erste Schock: Bei Wagner wurde die Autoimmunkrankheit systemische Lupus Erythematodes, kurz SLE, diagnostiziert. Dabei greift das Immunsystem körpereigene gesunde Zellen an und löst so eine Entzündungsreaktion aus. Das kann zur Schädigung von Organen führen. Für Wagner brach ihre Welt zusammen: „Karriere machen, eine Familie gründen – alle Träume lösten sich in nichts auf.“ In dieser Zeit war Endo ihr Halt: „Endo war immer für mich da. Er war der Grund, warum ich weitermachte.“

Dass Endo kurz danach ihre Zuversicht brauchen würde, ahnte sie in diesem Moment nicht. Doch als er acht Jahre alt war, bemerkte sie, dass er häufig blinzelte. Im Sommer tränten seine Augen und er hatte eindeutig Schmerzen. Sie fuhr ihn zur Tierklinik der Oregon State University. Die Diagnose: Endo litt am linken Auge an periodischer Augenentzündung, auch bekannt als Mondblindheit. Endo bekam entzündungshemmende Medikamente und Schmerzmitteln. Die Behandlung schien anzuschlagen, schnell ging es Endo besser.
Sechs Monate später verliert Endo sein zweites Auge
Aber bereits nach wenigen Monaten kam der nächste schwere Schub, diesmal auf dem rechten Auge. Wieder versuchten es die Ärzte mit Medikamenten, doch jetzt reagierte Endos Körper heftig und damit war klar: Die Medikamente mussten abgesetzt werden. Endos Zustand verschlechterte sich immer mehr. Und irgendwann musste Wagner eine schwere Entscheidung treffen: Endos rechtes Auge musste entfernt werden.
„Nach der Operation hatte Endo Angst“, erinnert sich Wagner. Sie fand ihn in der ersten Nacht nach der Operation zitternd in seiner Box. So blieb sie bei ihm, damit er wusste, dass er nicht allein ist. Und sie hoffte, dass wenigstens das linke Auge erhalten werden konnte. Aber bereits sechs Monate später war klar: Endo wird auch dieses Auge verlieren – und ist dann blind.
Endos Halterin übte mit ihm ein Leben in Dunkelheit
Um ihn darauf vorzubereiten, verband Wagner sein noch sehendes Auge. Dabei blieb sie immer in seiner Nähe, streichelte ihn. Zuerst wollte Endo keinen Schritt gehen. Doch mit viel Geduld schaffte seine Halterin es, dass sein Vertrauen zu ihr größer war als seine Angst. So lernte er, ihrer Stimme zu folgen.
Und doch zerriss es ihr fast das Herz, als sie Endo nach der zweiten Operation sah. „Er zitterte vor Angst, fürchtete sich zu bewegen“, erinnert sie sich. Trotzdem glaubte Wagner an eine Zukunft für Endo: „Er war da, als ich gegen meine Erkrankung kämpfte und lernen und akzeptieren musste, mit ihr zu leben. Nun lag es an mir, ihm in seinem Kampf beizustehen.“
Endo lernte, mit der Nase und seinen Ohren zu „sehen“
Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass sie so weit wie möglich den normalen Alltag mit Endo leben sollte. Und so saß sie einen Tag später bereits im Sattel. Das Training vorweg machte sich bezahlt: Der Wallach erholte sich diesmal deutlich schneller. „Am schwersten war es für Endo, seine Balance zu halten.“ Monatelang ging sie mit ihm große Zirkel im Schritt. „Erst langsam haben wir das Tempo und den Schwierigkeitsgrad gesteigert, bis er wieder in der Lage war, auf kleinen Zirkeln zu galoppieren“, erzählt Wagner.
Mit jedem Tag lernt Endo ein bisschen besser, mit der Dunkelheit in seinem Leben umzugehen. „Er fand heraus, dass der Boden rund um Bäume oder die Reitplatz-Begrenzung leicht ansteigt – das hilft ihm bei der Orientierung auf dem ganzen Gelände“, erklärt seine Besitzerin. Statt mit den Augen „sieht“ er nun mit der Nase und den Ohren. Dabei sind ihm nur sehr laute, anhaltende Geräusche wie das eines Traktors und Schnee im Weg. „Ein Traktor stört seinen Gehörsinn – und der Schnee deckt alle Gerüche zu“, so Wagner.
Working Equitation – die große Herausforderung
Im Dezember 2013 entdeckte Wagner Working Equitation für sich. Sofort war sie klar: In dieser Disziplin haben Endo und sie eine Zukunft. Und so trainiert sie täglich mit ihm. Weil zur Working Equitation auch kleine Sprünge gehören, brachte sie Endo bei, auf Kommando zu springen. Es klappte – und Wagner wurde immer mutiger. „Endo versteht heute zwischen 50 und 60 Wörter und weiß, was sie bedeuten“, sagt sie. Sie kann ihn ohne Halfter longieren, auf Kommando wechselt er die Gangart, verkleinert oder vergrößert den Zirkel und wechselt die Hand.
Schon ein Jahr später wollte Wagner es wissen: Sie meldete Endo und sich zur Northwest Horse Expo All Breed Challenge in Albany an. 2015 zeigten die beiden beim Andalusian World Cup in Las Vegas in einer Working Equitation-Klasse ihr Können – und begeisterten die Zuschauer. Seitdem ist „Endo the Blind“ in den USA ein gefeierter Social Media-Star. Auf seiner Facebook-Seite hat er mittlerweile mehr als 334.000 Follower, bei Instagram sind es 120.000 Fans..
„Blinde Pferde sind zu allem fähig“
Und Endo schafft noch mehr, er holt sich gleich drei Rekorde im Guiness-Buch: den Guinness-Rekord für den höchsten Freisprung eines blinden Pferdes (106 cm), die schnellste Zeit für einen Slalom mit fünf Stangen (6,93 Sekunden) und die meisten fliegenden Wechsel eines Pferdes in einer Minute (39 Wechsel). „Ich bin Guinness World Records sehr dankbar, dass sie uns eine Plattform für blinde Pferde bieten, um der Welt zu zeigen, dass sie noch zu allem fähig sind“, sagte sie. Für Wagner ist das der Beweis, dass „er einfach ein ganz besonderes Pferd ist.“ So genießen die beiden ihr Leben. Und zeigen, dass man mit dem Herzen wirklich gut sieht…











