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Allein aufs Turnier – Tipps und Tricks

von Ann-Christin Villnow
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Turniere sind in der Regel recht gesellige Ereignisse und werden am allerliebsten in Begleitung der Lieblings-Turniertrottel absolviert. Es ist einfach schön, wenn man stets eine oder mehrere vertraute Personen um sich herum hat, die Pferd und Reiter kennen, immer eine helfende Hand parat haben, Stress und Aufregung verkraften, unabhängig von Erfolg und Misserfolg am Rand stehen und jubeln, Däumchen drücken und auch sonst an alles denken, was man selbst plötzlich nicht mehr im Kopf hat. Ein guter TT ist richtig viel wert, nimmt einem viel Arbeit ab und sollte pfleglich behandelt werden!

Warum alleine aufs Turnier?

Allerdings gibt es auch Situationen, in denen der Lieblings-TT sein eigenes Leben leben muss und nicht zur Verfügung steht. Auch Verwandte und Freunde haben nicht immer Zeit und man kommt schnell in die Bredouille, wenn alle Helfer mal nicht können – plötzlich steht man alleine da. Und nun? Turnier absagen? Oder geht das auch alleine?

Für einige Reiter ist es gängige Praxis, ohne Begleitung auf’s Turnier zu fahren, sei es nun, weil kein Helfer zur Verfügung steht oder weil man grundsätzlich allein unterwegs ist. Tatsächlich gab es  in den letzten Jahren Situationen, in denen ich selbst ebenfalls „ohne alle“ dastand und mich entscheiden musste: Wage ich das Abenteuer allein oder bleibe ich lieber Zuhause? Ich habe mich für das Abenteuer entschieden und bin nur mit meiner Schimmeldame im Gepäck losgefahren. Oft ist es nicht vorgekommen, aber einige Male haben wir uns nun schon alleine auf den Turnierplätzen durchgeschlagen. Auf einem dieser Turniere bin ich ins Gespräch mit einer befreundeten Reiterin gekommen, die entsetzt bis ehrfürchtig reagiert hat, als ich erzählte, dass ich allein unterwegs bin. Sie sagte zu mir: „Wahnsinn, du lebst ja echt am Limit!“ Ähm…hä? Eigentlich fand ich mich jetzt weder besonders heroisch noch riskiofreudig, mein Handeln enstand einfach aus der Not heraus, dass meine Freunde und Familie eben verständlicherweise auch noch eigenen Kram zu tun haben – freiwillig würde ich nicht ohne Begleitung losfahren.

Ich kam ins Nachdenken: Ist allein auf ein Turnier fahren wirklich so „am Limit“? Lange Zeit konnte ich mir das ehrlich gesagt selbst überhaupt nicht vorstellen. Aber ich habe festgestellt, dass es gar nicht so schwer ist, sich allein auf den Turnierplätzen zu behaupten. Grundsätzlich hängt das Gelingen eines Alleinganges jedoch sehr stark von Pferd und Reiter ab und einige Voraussetzungen muss man schon erfüllen können. Im Folgenden möchte ich euch ein wenig von meinen Solo-Erfahrungen und den dafür notwendigen Vorbereitungen berichten.

1. Charakter von Pferd und Reiter

Hand auf’s Herz: Fragt euch selbst, ob ihr dazu in der Lage seid, einen Turniertag allein durchzustehen. Jemand, der sehr stark unter Prüfungsangst leidet, noch unsicher ist oder stets vor Aufregung den Kopf verliert, sollte nicht unbedingt allein losziehen. Genauso sollte man auch auf sein Pferd achten: Bei dem Jungspund, der noch wenig Turniererfahrung und vielleicht ein etwas zart besaitetes Nervenkostüm besitzt, sollte man lieber eine weitere Person mitnehmen – sicher ist sicher und ZU risikobehaftet sollte man an die Sache nun auch nicht herangehen…

Fragt euch also selbst: Ist mein Pferd auch allein gut zu händeln? Oder brauche ich partout jemanden zum festhalten und beruhigen, da der Vierbeiner mir andernfalls um die Ohren springt?  Beantwortet diese Frage ehrlich, denn nichts ist schlimmer als ein zappeliges Pferd, welches beim Anbinden an den Anhänger diesen direkt mit über den Parkplatz schleppt.

2. Verladen

Ein besonders großer Vorteil und eine wichtige Voraussetzung für einen Alleingang ist es, sein Pferd alleine verladen zu können. Viele Pferde laufen eigenständig auf den Anhänger und auch allein wieder herunter, aber nicht jeder hat das Glück eines so verladefrommen Pferdes. In gewisser Hinsicht ist das Verladen eine Trainingssache, aber es gibt auch Pferde, die beim besten Willen und trotz jeder Menge Übung nicht alleine auf den Anhänger gehen mögen oder nicht allein abgeladen werden können. Natürlich kann man darauf vertrauen, dass sich im Stall und auf dem Turnierplatz jemand findet, der kurz hilft, aber im Ernstfall kann das auch schiefgehen und es findet sich niemand. Sicherer ist es daher, das „Alleine“-Verladen vorher in Ruhe zu üben – am besten mit Hilfe eines kundigen (Verlade-) Trainers.

3. Zeit

Man sollte unbedingt bedenken: Zwei Hände schaffen weniger als vier, sechs oder acht. Es ist niemand da, der euch das Pferd putzt, während ihr schon einmal die Stiefel anzieht, oder der Stollen eindreht, während ihr Kopfnummern einstellt. Es läuft keiner für euch zur Meldestelle, um euren Startplatz in Erfahrung zu bringen, während ihr mit dem Satteln beginnt – ihr seid auf euch gestellt! Plant daher unbedingt mehr Zeit ein. Besonders wenn ihr alleine unterwegs seid, ist Ruhe unheimlich wichtig. Wenn ihr in Stress geratet und im schlimmsten Fall euer Pferd noch gleich mit euch, kann es ganz schön kniffelig werden.

turnierpferd4. Parcours abgehen/Aufgabe vorlesen

Okay, das ist tatsächlich ein Punkt auf der Liste, der etwas schwierig ist. Die Dressurreiter können ihre Aufgabe auf einer Solo-Tour in der Regel auch dem Auto oder dem Pferd erzählen und alleine auswendig lernen, aber wer lieber mit Vorleser reitet, muss improvisieren und hoffen, dass sich ein lieber Mensch auf dem Turnier findet.

Die Springreiter haben ein Problem in puncto Parcours abgehen. Häufig ist nicht genug Zeit, um auf das Abgehen zu warten und anschließend satteln zu gehen (siehe Punkt 3 – wir brauchen alleine länger!). Wenn man vorher sattelt, muss man das Pferd während des Abgehens jemandem in die Hand drücken – kann klappen, muss aber nicht. Nicht jeder nimmt gern ein fremdes Pferd an die Hand und nicht jedes Pferd bleibt bei einem wildfremden Menschen cool stehen. Auch hier gilt: Improvisation ist alles. Ich habe mir den Parcours manches Mal bei den ersten Reitern „abgeguckt“ und bin ohne Abgehen gestartet. Bisher ist es immer gut gegangen, ich habe da aber auch ein entspanntes Gemüt – sicherlich ist das nicht jedermanns Ding und auch abhängig von der Klasse, in der man startet.

Improvisieren heißt es auch beim Abspringen, denn es ist niemand da, der für euch hoch-und runterbaut. Hier kann man allerdings ganz gut mit den anderen Reitern, die kurz vor oder kurz nach einem starten, „mitspringen“.

turnierpferd-springt

5. Ernstfall Sturz

Man mag nicht darüber nachdenken, aber ausschließen kann man es auch nicht: Was passiert, wenn ich stürze und nicht sofort wieder auf die Beine komme? Ich selbst habe im Ernstfall Sanitäter an meiner Seite, aber wer kümmert sich um’s Pferd? Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, nur dann alleine loszufahren, wenn ich weiß, dass bekannte Reiter, Stallkollegen oder Freunde ebenfalls auf dem Turnier unterwegs sind, die mich kennen und im Notfall immerhin wissen, zu welchem Anhänger mein Pferd gehört und dieses adäquat versorgen können. Auf das Turnier in Hinterpampelmuse, wo ich niemanden kenne, würde ich demnach verzichten, wenn ich allein wäre. Natürlich ist das nur eine Notlösung und auch der Grund dafür, dass ich, wenn ich alleine unterwegs bin, immer ein klitzekleines bisschen Magengrummeln habe und freiwillig nicht ohne Begleitung losfahren würde – wenn ich die Wahl habe, ist mein Lieblings-TT immer dabei!

6. Ruhe bewahren und vorbereitet sein!

Wenn ihr euch dazu entscheidet, auf eigene Faust loszufahren, solltet ihr den normalen Turnierablauf vorher einmal „solo“ durchspielen. Zu den oben genannten Punkten können sich je nach Pferd, Reiter, äußeren Umständen und Sparte viele Kleinigkeiten hinzugesellen – wohin beispielsweise mit der Decke im Winter, was tun mit der Regenjacke, wohin mit dem Ehrenpreis in der Siegerehrung, wer nimmt die Gamaschen vor der Dressurprüfung ab…? Wenn ihr euch auf einige der oben genannten Probleme im Vorfeld einstellt und nicht auf dem Turnierplatz plötzlich damit konfrontiert werdet, könnt ihr in der Regel besser die Ruhe bewahren. Habt Vertrauen in euch und euer Pferd, gemeinsam werdet ihr euren Alleingang hinbekommen! Im Zweifelsfall fragt andere Teilnehmer um Hilfe – häufig kennt man „seine“ Starterfelder und hat den einen oder anderen Kontakt zu den Mitreitern, die im Notfall gerne helfen.

Und solltet ihr trotz aller Vorbereitungen zu große Bedenken haben: Bleibt zuhause und nutzt den freien Tag für einen schönen Ausritt. Turniere gibt es genug und beim nächsten Mal steht euer TT bestimmt wieder bereit!

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