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Das Pferdemädchen der Wirklichkeit

von Finia Fischer
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Was genau ein Pferdemädchen ist, ist mit vielen Stimmen belegt. Sowohl Reiterinnen selbst als auch Forscher/innen und Psychologen/innen kommen zu Wort, um den Begriff des Pferdemädchens zu erklären und in gewisser Weise auch zu modernisieren. Ausgangspunkt ist der Mythos um das Pferdemädchen in seinem Ursprung und seiner Entwicklung. Aber auch das, was typisch für Mädchen sein soll, hat einen Einfluss auf die Bedeutung. 

Was ist ein Pferdemädchen?

Das Pferdemädchen entstammt einem Mythos, bei dem im Kern ein einseitiges Bild einer Mädchen-Pferd-Beziehung in Form einer ausartenden Liebe gezeichnet wird. Häufig ist dieses Bild mit bestimmten Klischees behaftet.

Was ist ein Pferdemädchen?

Bei dem Pferdemädchen handelt es sich um ein Phänomen, das von der Gesellschaft oftmals belächelt, von Eltern bis zu einem gewissen Alter unterstützt und von Pferdezeitschriften, Pferdefilmen und -serien in seiner Existenz untermauert wird. Dem Klischee nach soll das typische Pferdemädchen blond, reich, zickig, elitär und privilegiert sein. Es reite – von verrückter Pferdeliebe geblendet – nur über grüne Wiesen. 

Die Realität hingegen zeichnet ein anderes Bild: Längst widerlegen viele emanzipierte und sportbegeisterte Mädchen mit ihrer ganz persönlichen Einstellung das negative Bild des Pferdemädchens. Das Pferdemädchen betreibt Reiten als Hobby und Sport mit Begeisterung. Sein Vierbeiner ist dabei ein Freund in innigster Beziehung. Die pubertierende Jugend trifft hier auf die Liebe zwischen Mensch und Pferd, aus der sich eine gelebte Beziehung in allen reiterlichen Facetten darstellen lässt. Zu dieser Welt des heutigen, modernen Pferdemädchens gehört daher auch der Reitstall mit seinen Aufgaben, die zum „schmutzig machen“ einladen.

Den Mythos um das Pferdemädchen soll es in der allgemeinen Bedeutung im Übrigen nur in der westlichen Welt geben. Dabei kann eine besondere Beziehung nicht nur die Reiterin zu ihrem Pferd haben, sondern auch der Reiter als Junge. Den „Pferdejungen“ gibt es in dieser Bezeichnung aber trotzdem nicht. 

Warum mögen Mädchen Pferde?

Laut Psychologen mögen Mädchen Pferde, weil sie den Inbegriff der Fürsorge leben wollen und das Pferd im Gegensatz zu anderen kleineren Tieren die größte Erfüllung dafür schaffen kann. Andere Forscher sehen den Grund in der Erziehung und in den Medien, die weibliche Personen zu Pferdemädchen "machen".

pferdemädchen

Das Pferdemädchen entstammt einem Mythos, bei dem im Kern ein einseitiges Bild einer Mädchen-Pferd-Beziehung in Form einer ausartenden Liebe gezeichnet wird. Häufig ist dieses Bild mit bestimmten Klischees behaftet.

Mythos Pferdemädchen – die bekanntesten Klischees und was wirklich dahinter steckt

Nach Kulturanthropologin Anja Schwanhäußer entstammt der Mythos des Pferdemädchens den weltanschaulichen Geschichten, Erzählungen und Verfilmungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Serien wie „The Adventures of Black Beauty“ (1972–1974) oder „Wendy“ (1995-1996) läuteten mit Filmen wie „Die Mädels vom Immenhof“ (1955), „Der Pferdeflüsterer“ (1998) und „Ostwind“ (2013) ein, die heute überwiegend von Pferdenärrinnen als von Pferdenarren geprägt wird. 

Pferdefilme oder Serien, in denen – wie im Film „Fury“ (1955-1960) – auch mal das männliche Geschlecht zum Tragen kommt, sind dabei eher selten. Hartnäckig hält sich daher das Bild von dem weiblichen, pferdeverrückten und aus reichem Hause stammenden Teenager mit Blondschopf, der auf Reiterhöfen über soziale Zuschreibung und Rangordnung der Konkurrentinnen entscheidet. 

Das stereotype und elitäre Bild, das auf diese Weise das Licht der Welt erblickte, wollen reale und sportbewusste Mädchen zwischen zehn und siebzehn Jahren auf dem Reiterhof nicht ganz anerkennen. Schließlich gehe es nicht nur um die Mädchen-Pferd-Beziehung, die auf Freundschaft und Liebe basiert, sondern auch um den Leistungsfaktor im Rahmen des Pferdesports. Und auch die seit 1986 existierende Zeitschrift „Wendy“ zeigt seit dem Jahr 2000 hauptsächlich nur Pferde auf den Titelblättern – ohne Pferdemädchen. Dem Mythos wird dadurch auch ein Stück weit der Wind aus den Segeln genommen.

Laut dem deutschen Psychologen Harald Euler, ist im Kern der innigen Beziehung zwischen Mädchen und Pferd im Motiv der Fürsorge zu finden. Besonders gilt das aber für Mädchen, die sich nicht für sportliche Wettbewerbe interessieren, sondern vielmehr für Pferde-Schönheitswettbewerbe.

Schließlich soll das Entfachen der pferdeverrückten Natur auch eine Hilfestellung in der Pubertät geben: Hier gehe es um den Übergang, der zwischen Puppen und dem ersten Partner, stattfindet. Die Blütezeit des Pferdemädchens endet in vielen Fällen mit zirka 16 Jahren, wenn der erste Mann als Partner das Pferd ersetzt. Der Tiefenpsychologe und Arzt Sigmund Freud (1856-1939) soll in dieser Hinsicht von Vaterprojektion gesprochen haben. Einige Forscher weisen den Gedanken, das Pferd durch den Mann eintauschen zu wollen, jedoch als konservative und heteronormative Sichtweise zurück. 

Einige Forscher sehen in der Fürsorge auch die Vorbereitung für Aufgaben, die derzeit immer noch mehrheitlich Frauen im gesellschaftlichen Leben für ihre Familien übernehmen. In Zusammenhang damit mag der gesellschaftliche Druck entstehen, den die Gesellschaft auf junge Frauen, die im Grunde aus dem Alter des Pferdemädchens herausgewachsen sind, ausübt. Die Beziehung zum Pferd wird häufig als „peinlich“ oder „lächerlich“ abgestempelt, sofern das fortgeführte Reiten nicht zur Oberschicht gehört oder nicht mehr sportlichen Erfolgen dient. Dabei unterstützen viele Eltern die Wünsche ihrer Mädchen tatkräftig, wobei die Intensität des Hobbys stets im Auge behalten wird und ein Ausarten ebenso tatkräftig verhindert wird.

Dass es um mehr als um die Beziehung zwischen Mädchen und Pferd geht, beweist auch, so heißt es, die Atmosphäre im Reitstall, in dem Codes und Regeln einer sozialen Gruppe vorherrschen und Neulinge zunächst verstehen müssen. Mit Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft, ehrenamtlichem Engagement und Herz verdiene man sich die Zugehörigkeit im Stall. 

Das System auf Reiterhöfen, in denen sich Pferdemädchen quasi rund um die Uhr um ihre Liebsten kümmern, ist daher ein aus sich selbst heraus funktionierendes System, das Geld als Bezahlung nicht braucht. Der Profit ist demnach nicht materieller, sondern immaterieller, geistiger Art: das Resultat aus Fürsorge und dem Beziehungsaufbau zum starken Pferd.

Apropos starkes Pferd: Nicht nur das erhabene Gefühl, von mehreren hundert Kilogramm über Felder und Wiesen getragen zu werden, dient als Trigger für die Vernarrtheit des Pferdemädchens. Auch die Lehren, die die jungen Reiterinnen aus den Reitstunden mit einem solchen muskulösen Tier ziehen, erfüllen mit antreibender Begeisterung. Es gilt das richtige Maß zwischen Kontrolle, Respekt vor dem Tier und dem Erleben von Freiheit zu finden – eine Herausforderung, für die es sich lohnt jeden Tag mit Pferden zusammen zu sein.

Das Phänomen Pferdemädchen löst Vielstimmigkeit aus und ermutigt zu unterschiedlichen Meinungen. In einer Sache sind sich die Forscher und Pferdeliebhaberinnen einig: Mit Märchenhaftigkeit und einer rosaroten Welt hat der Tag im Reitstall nichts zu tun. Man macht sich schmutzig, hilft beim Abäppeln und mistet einmal am Tag gründlich aus. Und diese Arbeit verrichten alle emanzipierten Pferdemädchen ohne Bezug auf irgendwelche Einkommensschichten.

Ist Reiten nur was für Mädchen?

Reiten ist sowohl etwas für Mädchen als auch für Jungen.

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