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Des einen Freud, des anderen Leid – Fairplay im Reitsport

von Ann-Christin Villnow
2 Kommentare

Immer wieder ist im Sport von Fairplay, Sportsgeist und Missgunst die Rede – und warum sollte der Reitsport eine Ausnahme sein? Es kommt im Turniersport zwangsläufig zu Situationen, in denen man ehrlich und herzlich beglückwünscht wird oder aber neidische Blicke erntet. Manches Mal geht der Neid allerdings noch deutlich weiter und nimmt ungeahnte und unschöne Züge an.

Versetzen wir uns mal gedanklich in folgende Situation: Man verbringt sein Wochenende auf dem Turnierplatz. Die eigene Prüfung nähert sich gerade dem Ende. Man führt aktuell, wahlweise liegt man gerade noch so auf dem letzten Platz der Platzierung. Die letzten Reiter gehen an den Start und man befindet sich innerlich in einem Zwiespalt:

Sportler ist gleich Sportler?

Einerseits wünscht man sich natürlich, den Sieg zu erringen oder bitte, bitte noch in der Platzierung zu bleiben, also hofft man in gewisser Weise auf die Fehler anderer. Der flitzt so schnell durch den Parcours, da muss doch jetzt mal eine Stange fallen. Schließlich hat das eben schon arg gewackelt! Bei einem selbst wäre die Stange schon 17 Mal gefallen! Und der Gaul hat eben schon so ins Richterhäuschen geschielt, beim Mitteltrab durch die ganze Bahn springt der vor Schreck bestimmt zur Seite! Oder der Reiter verreitet sich noch, das war eben schon so eine komische Linienführung…

Andererseits meldet sich das faire (Sportler-) Gewissen: Sportsgeist zeigen, wenn die Anderen besser sind, sind sie nun einmal besser, das muss man akzeptieren. Das war eine schnellere und gut gerittene Runde, das Pferd des Anderen war heute einfach besser, der Konkurrent hat den Sieg oder die Platzierung verdient.

Im Turniersport kommt die oben beschriebene Situation immer mal wieder vor und irgendwie fühlt man sich dabei immer ein bisschen unwohl und schlecht. Man möchte niemandem Fehler an den Hals wünschen oder die Daumen drücken, dass noch etwas schief geht. Gleichzeitig möchte man aber natürlich sehr gerne die Führung behalten oder doch noch in der Platzierung bleiben. Des einen Freud, des anderen Leid – so lässt sich diese Situation wohl sehr gut beschreiben.

Als Sportler muss man eine gewisse Art von Fairplay entwickeln

Wir versetzen uns wieder in die Situation auf dem Turnierplatz zurück. Dieses Mal sind wir nur unbeteiligter Zuschauer. Eine ambitionierte Reiterin samt Gefolge, bestehend aus noch ambitionierteren Eltern und Trainer, stehen am Rand des Platzes und verfolgen die letzten Starter. Die ehrgeizige Reiterin führt und möchte die goldene Schleife unbedingt mit nach Hause nehmen. Fieberhaft werden die Ritte der Konkurrenten verfolgt, kommentiert, zerrissen, analysiert. Eine Stange fällt, eine Dressurlektion misslingt – und der führenden Reiterin oder einem Mitglied ihres Gefolges entfährt ein jubelndes „JAAA!“. Der Sieg ist sicher – und ihre Meinung zum „Sportsgeist“ irgendwie auch…

Wer sich im Sport miteinander misst, muss mit der Zeit eine gewisse Art von Fairplay entwickeln. Man muss lernen und akzeptieren, dass man nicht immer an der Spitze stehen kann. Man muss lernen, zurückzustecken und sich für andere Teilnehmer zu freuen. Die Karten werden jedes Mal neu gemischt und manchmal erhält man ein eher suboptimales Blatt. Daraus das Beste zu machen und im schlechtesten Fall ohne Missgunst oder Missmut einem Besseren Platz zu machen, gehört zu einem sportlichen Wettkampf dazu. Manchmal muss man die Leistung der anderen Teilnehmer neidlos anerkennen – auch, wenn man gerade durch diese Leistung selbst leer ausgeht. Leider scheinen das viele Sportler und leider auch viele Reiter irgendwie anders zu sehen.

Ein ehrlich gemeintes „Herzlichen Glückwunsch“

Es besteht ein feiner Unterschied zwischen der Freude über die eigene Leistung und der Freude über die Fehler der Anderen. Man möchte in einem Wettkampf aufgrund der eigenen zufriedenstellenden Leistung gut abschneiden und sich darüber freuen – und nicht über die Fehler der Mitreiter. Gleichzeitig sollte man fair genug sein, bei einer besseren Leistung diese auch anzuerkennen und nicht zeternd und meckernd am Rand zu stehen. Zugegebenermaßen fällt das nicht immer leicht und es gibt Situationen, in denen man innerlich deftig flucht. Trotzdem tut es wohl niemandem weh, in der Siegerehrung ein ehrlich gemeintes „Herzlichen Glückwunsch“ zu verlieren.

Sportliches Verhalten steht bei einigen Reitern irgendwie nicht sonderlich hoch im Kurs, was ich persönlich sehr schade finde. Natürlich darf man sich ärgern, wenn man selbst an einer Platzierung vorbeischrammt und natürlich darf man sich freuen, wenn man am Ende als Sieger aus dem Wettkampf hervorgeht. Man darf am Ende der Prüfung auch gerne jubeln, in Freudentränen ausbrechen, befreit lachen, was auch immer – aber doch bitte nicht in dem Moment, in dem ein anderer Starter einen Fehler gemacht hat. Freut euch am Ende, wenn alle Karten ausgespielt sind und der Wettkampf vorbei ist und schätzt trotz allem die Leistung eurer Kontrahenten wert. Timing ist manchmal das A und O!

Wie sind eure Erfahrungen mit dem Thema Sportsgeist?

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2 Kommentare

www.reitcoach.eu 15. Oktober 2016 - 23:20

Toll geschrieben und so wahr!
Als Trainer bekommt man die unglaublichsten Dinge zu diesem Thema mit.
Und zu meinem entsetzen hatte ich auch schon solche Reitschüler die z.b. nicht angesprochen werden wollten während einer Prüfung weil sie “ Stangen runterkucken mussten“ !
Ich finde das unglaublich traurig und wenn ich das mitbekomme dann versuche ich da einzuwirken ind und auf den fairplay Gedanken hinzuweisen, leider gab es auch bei mir unbelehrbare, von diesen habe ich mich dann auch getrennt!

Andreas We rft

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Lara 11. Februar 2017 - 12:13

Ich danke Ihnen für diesen interessanten Artikel. Fairplay ist wirklich sehr wichtig, auch im Reitsport. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Manchmal ist das jedoch leider nicht der Fall.
Beste Grüße,
Lara

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