Welche Pferderassen sind am stärksten vom Aussterben bedroht?
Das Lehmkuhlener Pony, das Rottaler Pferd und der Alt-Württemberger sind die am stärksten gefährdeten Pferderassen in Deutschland. Laut der aktuellen Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) fallen alle drei Rassen in die höchste Gefährdungskategorie „Kategorie I: Extrem gefährdet“. Deutschlandweit existieren von diesen historischen Rassen jeweils nur noch ein extrem kleiner Bestand von wenigen Dutzend bis maximal einhundert eingetragenen Zuchttieren.
Ohne gezielte Erhaltungszuchtprogramme und engmaschiges Genmonitoren droht diesen Traditionsträgern in den nächsten Jahren das endgültige Verschwinden. Wer heute gezielt nach einem robusten Freizeitpartner sucht, findet in diesen seltenen Rassen charakterfeste und vielseitige Allrounder.
Lehmkuhlener Pony: Mit unter 20 eingetragenen Zuchttieren bildet dieses kleine, extrem kinderliebe Pony aus Schleswig-Holstein das absolute Schlusslicht der Populationsgrößen.
Rottaler Pferd: Die älteste planmäßig gezüchtete Pferderasse Bayerns zählt weltweit nur noch knapp 20 Stuten und wenige Deckhengste im aktiven Zuchteinsatz.
Alt-Württemberger: Dieser ursprüngliche, kräftige Schlag des modernen Sportpferdes sichert seine Existenz derzeit über einen Restbestand von rund 30 bis 40 eingetragenen Zuchtstuten.
Im Folgenden gehen wir auf diese besonderen Pferderassen noch einmal genauer ein.
Viele Reiter suchen heute gezielt nach verlässlichen und nervenstarken Freizeitpartnern. Genau diese Eigenschaften bringen unsere bedrohten Kulturrassen mit. Wer sich für ein solches Pferd entscheidet, sichert nicht nur einen großartigen Partner für den Alltag, sondern leistet einen aktiven Beitrag zum Erhalt unserer gelebten Pferdegeschichte.
Michelle
Redakteurin bei ehorses
Platz 1: Warum ist das Lehmkuhlener Pony extrem selten?
Das Lehmkuhlener Pony steht aufgrund eines extrem kleinen Genpools und fehlender Zuchtbetriebe unmittelbar vor dem Aussterben. Anfang des 20. Jahrhunderts züchtete Baronesse Hasche von Westenholz auf Gut Lehmkühlen in Schleswig-Holstein diese Rasse gezielt als robustes, kinderliebes Reitpony. Sie kreuzte dafür einheimische Ponys mit Dülmenern, Dartmoor-, Exmoor- und Welsh-Ponys. Das Ergebnis war ein ausdauerndes, leichtfuttriges und charakterfestes Kinderpferd mit einem Stockmaß von 125 bis 140 cm.

Nach dem Tod der Begründerin und dem Wandel in der Pferdezucht hin zu sportlicheren, größeren Reitponys brach die Population drastisch ein. Heute verhindert die hohe Inzuchtgefahr den schnellen Wiederaufbau des Bestands, da kaum noch unverwandte Deckhengste existieren. Erhaltungsinitiativen versuchen derzeit, die Verwandtschaftsgrade genetisch zu überwachen und die Rasse vor dem endgültigen Verschwinden zu bewahren.
Herkunft: Gut Lehmkühlen (Schleswig-Holstein)
Stockmaß: 125 bis 140 cm
Eigenschaften: Kinderlieb, ausdauernd, leichtfuttrig, robust
Gefährdungsgrund: Extrem kleiner Genpool, fehlende Nachwuchszüchter und historische Umzüchtung
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Platz 2: Was macht das Rottaler Pferd so einzigartig?
Das Rottaler Pferd vereint eine Jahrhunderte alte Zuchtgeschichte mit einer herausragenden Vielseitigkeit, Nervenstärke und Tragkraft. Bereits im 10. Jahrhundert wurden im niederbayrischen Rottal die Grundlagen für diese Rasse gelegt. Die Gebrüder Bleibtreu begründeten im Jahr 1784 die geplante Reinzucht. Sie schufen ein kräftiges Warmblutpferd, das im Alltag universell einsetzbar war.
Rottaler Pferde überzeugen durch ihr ausgeglichenes Temperament, ihre starke Knochenstruktur und ein verlässliches Gemüt. Mit einem Stockmaß von 160 bis 165 cm eignen sie sich ideal als stämmige Allrounder für das Reiten und Fahren.
Herkunft: Niederbayern (Rottal)
Stockmaß: 160 bis 165 cm
Eigenschaften: Nervenstark, vielseitig, tragfähig, langlebig
Hauptverwendungszweck: Freizeitreiten, Fahrsport, Geländereiten

Die zunehmende Mechanisierung der Landwirtschaft ab den 1950er-Jahren senkte die Nachfrage nach schweren Arbeitspferden drastisch. Traktoren ersetzten die Pferde auf den Feldern. Gleichzeitig veränderte sich der Pferdesport. Die Zucht richtete sich ab Mitte des 20. Jahrhunderts neu aus. Züchter kreuzten vermehrt edlere, leichtere Hengste ein. Sie bauten das Bayerische Warmblut für den modernen Turniersport auf.
Das ursprüngliche Rottaler Pferd verlor seinen festen Platz in der Zucht. Die Population schrumpfte innerhalb weniger Jahrzehnte enorm. Heute existieren weltweit nur noch knapp 20 eingetragene Zuchtstuten und sehr wenige Deckhengste im aktiven Einsatz. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) führt das Rottaler Pferd deshalb in der höchsten Gefährdungskategorie „Extrem gefährdet“.
Platz 3: Warum droht dem Alt-Württemberger das Aus?
Die Rasse wurde im 20. Jahrhundert systematisch zu einem leichten Sportpferd umgezüchtet, wodurch der ursprüngliche, kräftige Typ dadurch fast vollständig verschwand. Ursprünglich gezüchtet im Haupt- und Landgestüt Marbach in Baden-Württemberg, diente das Pferd jahrzehntelang als vielseitiges Arbeitspferd für die Landwirtschaft und als zuverlässiges Zugpferd.
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich der Markt: Sportpferde für Dressur und Springen waren gefragt. Die Zucht des modernen Württembergers verdrängte den ursprünglichen Schlag. Heute sichern nur noch sehr wenige Engagierte den Fortbestand über ein streng überwachtes Erhaltungszuchtprogramm. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) führt den Alt-Württemberger deshalb in der Kategorie „Extrem gefährdet“.
Herkunft: Baden-Württemberg (Haupt- und Landgestüt Marbach)
Stockmaß: 155 bis 165 cm
Eigenschaften: Umgänglich, langlebig, starkes Fundament, nervenstark
Gefährdungsgrund: Systematische Umzüchtung zum leichten Sportpferd und veränderte Marktanforderungen

Was unterscheidet den Alt-Württemberger vom modernen Württemberger Sportpferd?
Der Alt-Württemberger unterscheidet sich vom modernen Württemberger Sportpferd vor allem durch seinen kräftigeren Körperbau, sein starkes Fundament und sein ruhigeres Temperament. Während der moderne Württemberger gezielt auf Höchstleistungen im Dressur- und Spring-Restsport selektiert wird, verkörpert der Alt-Württemberger den klassischen Typ des universellen Wirtschaftspferdes.
| Merkmal | Alt-Württemberger | Modernes Württemberger Sportpferd |
| Körperbau | Mittelschwer, kräftig, breite Brust | Leicht, sportlich, hochblütig |
| Fundament | Sehr stark, trockene Gelenke, harte Hufe | Feingliedrig, auf Sportleistung ausgerichtet |
| Temperament | Ausgeglichen, nervenstark, umgänglich | Leistungsbereit, sensibel, vorwärtsorientiert |
| Einsatzbereich | Freizeit, Fahren, Geländereiten | Dressur-, Spring- und Vielseitigkeitssport |
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Welche Faktoren führen zum Aussterben von Pferderassen?
Der drastische Wandel der menschlichen Lebens- und Arbeitswelt hat das Anforderungsprofil an Pferde grundlegend verändert. Über Jahrhunderte hinweg dienten Rassen wie das Rottaler Pferd oder der Alt-Württemberger als unentbehrliche Schwerarbeiter in der Landwirtschaft, im Transportwesen und beim Militär. Mit der flächendeckenden Mechanisierung ab Mitte des 20. Jahrhunderts ersetzten Traktoren und Lkws die Arbeits- und Zugpferde. Dieser schlagartige Nutzerwechsel nahm den traditionsreichen Gebrauchsrassen ihre ursprüngliche Funktion, wodurch die Bestände innerhalb weniger Jahrzehnte einbrachen.
Zusätzlich verlor der Markt durch die Neuausrichtung der Pferdezucht auf den modernen Leistungssport das Interesse an den ursprünglichen Typen. Die Zucht konzentriert sich seit den 1960er-Jahren primär auf hochspezialisierte, feingliedrigere Warmblüter für den Dressur- und Spring-Restsport. Um diese sportlichen Höchstleistungen zu erzielen, kreuzten Züchter gezielt Veredler wie Vollblüter ein. Das führte dazu, dass der schwerere, extrem belastbare Urtyp vieler Rassen durch Verdrängungszucht fast vollständig aus den Zuchtbüchern verschwand.
Fällt die Population einer Rasse durch diese Entwicklungen unter eine kritische Mindestgrenze, wird das Inzuchtrisiko zum gefährlichsten Verstärker des Aussterbens. Bei extrem kleinen Zuchtpopulationen verengt sich der Genpool massiv, da kaum noch unverwandte Deckhengste zur Verfügung stehen. Die Folgen sind eine sinkende Fruchtbarkeit, eine höhere Krankheitsanfälligkeit und gesundheitliche Defekte bei den Fohlen. Ohne ein streng überwachtes Genmonitoring und gezielte Erhaltungszuchtprogramme geraten betroffene Rassen dadurch in eine Abwärtsspirale, die ohne menschliches Eingreifen zum endgültigen Erlöschen der Rasse führt.
Nutzungswandel: Mechanisierung ersetzte Arbeitspferde in Landwirtschaft und Transport.
Fokus auf Leistungssport: Verdrängungszucht zugunsten leichter, hochspezialisierter Sportpferde.
Inzuchtdepression: Verengung des Genpools gefährdet Gesundheit und Vitalität des Restbestands.
Wie kannst du zum Erhalt gefährdeter Rassen beitragen?
Du rettest bedrohte Pferderassen am effektivsten, indem du der Nachfrage nach diesen Pferden ein Gesicht gibst und dich als Käufer für ein solches Pferd entscheidest. Viele historische Rassen wie das Rottaler Pferd oder der Alt-Württemberger sind ideale Freizeitpartner: Sie sind nervenstark, leichtfuttrig und belastbar. Wenn du dir ein Pferd für Ausritte, Fahrten oder den vielseitigen Freizeitsport zulegen möchtest, wähle gezielt ein Tier aus einer gefährdeten Population. Jeder Kauf sichert Züchtern die finanzielle Grundlage und schafft direkte Anreize, die Zucht fortzuführen.
Als Züchter unterstützt du den Erhalt, indem du deine Zuchtstätten für Erhaltungszuchtprogramme bereitstellst und genetische Reserven sicherst. Selbst ohne eigenes Pferd kannst du aktiv helfen: Unterstütze Erhaltungsvereine wie die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) oder rassespezifische Zuchtvereine durch Spenden oder eine Mitgliedschaft. Deine Beiträge finanzieren Genmonitoring, Zuchtbuchführung und Aufklärungsarbeit, die das Überleben dieser Traditionsrassen sichern.
Als Reiter: Kaufe gezielt ein Freizeitpferd einer bedrohten Rasse und sichere so die Nachfrage.
Als Züchter: Binde Stuten in Erhaltungszuchtprogramme ein und achte auf genetische Vielfalt.
Als Unterstützer: Fördere Vereine wie die GEH durch Spenden, Fördermitgliedschaften oder Ehrenamt.
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