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Reit-Drama im Modernen Fünfkampf: Ist das wirklich Reitsport?

von Michelle Holtmeyer
1 Kommentar

Es sind Bilder, die aktuell die (Reiter-)Welt spalten. Die deutsche Fünfkämpferin Annika Schleu steht kurz vor der Goldmedaille. Doch in der letzten Disziplin, dem Springreiten, verweigert das ihr zugeloste Pferd. Dann beginnt das Drama…

Die Olympischen Spiele von Tokio sind beendet – doch die Diskussionen reißen nicht ab. Mittendrin die Debatte um die Disziplin Reiten im Modernen Fünfkampf.

Das Drama um Annika Schleu

Annika Schleu hatte bei den Olympischen Spielen auf Goldkurs gelegen, bis das ihr zugeloste Leih-Pferd Saint Boy die Mitarbeit verweigerte – mehrfach. Auf Aufforderung der Bundestrainerin “Hau mal richtig drauf! Hau drauf” – und in ihrer Verzweiflung – setzt Schleu daraufhin die Gerte ein. Doch nichts half, Saint Boy wollte nicht. Nach reichlich Überzeugungsarbeit konnte Schleu, die bereits tränenüberströmt war, ihn zwar noch über einige Hindernisse bewegen, doch das Ziel und eine Medaille sahen die beiden nicht. Ein Bild, das bis heute vielen nicht mehr aus dem Kopf geht.

Die gesamte Szene macht deutlich: Die Athletin selbst, das Pferd – das zuvor schon unter einer anderen Sportlerin den Dienst verweigerte und von den Zuständigen trotzdem noch einmal auf den Platz geschickt wurde – und auch die Trainerin waren mit der Gesamtsituation überfordert – nicht zuletzt mit dem enormen (Gold-)Druck im Nacken – begünstigt durch die Ausgangslage vor dem Springreiten von Annika Schleu.

Konsequenzen nach Vorfall bei Olympia

Die Bilder, die die Welt während dieser Minuten zu sehen bekam, lösen derzeit hitzige Diskussionen aus. Vor allem Annika Schleu und die Bundestrainerin Kim Raisner werden für ihr nicht korrektes Verhalten kritisiert. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Begriff “Tierquäler”. Und auch die Hetze im Internet – vor allem in den sozialen Medien – reißt nicht ab. Mittlerweile ist diese so schlimm geworden, dass Annika Schleu ihren Instagram-Account deaktiviert hat. Denn dort wurden die Hass-Kommentare nicht weniger, die junge Sportlerin wurde beleidigt und erhielt zahlreiche Drohungen.

Auch die deutsche Bundestrainerin rückt immer mehr in den Fokus der Kritik. Nachdem sie bereits unmittelbar nach dem Vorfall von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde, ist sie bis heute massiven Anschuldigungen ausgesetzt. Raisner selbst gegen die Vorwürfe bezüglich der Tierquälerei: “Ich bin weit davon entfernt, Tiere zu quälen. Ich liebe Tiere, ich liebe Pferde, genauso wie Annika. Wir verdreschen unsere Pferde nicht”. Weiter sagt sie, dass der Klaps, den die Saint Boy während des Wettbewerbs gegeben hat, “nicht hätte sein müssen”, aber “nicht doll” gewesen sei. “Da war einfach Verzweiflung da. Natürlich fordere ich da auf, dass sie als Reiterin die Möglichkeiten, die sie hat, nutzt und mit den Hilfen, die da sind, versucht, das Pferd aus der Ecke zu bekommen”, so Raisner weiter.

Muss die Reiterin oder das System kritisiert werden?

Die Kritik an Annika Schleu, der Bundestrainerin und auch an dem zuständigen Tierarzt, der der das OK gab, das Pferd noch einmal ins Stadion zu schicken, stehen heftig in der Kritik. Doch ist es dieser Stelle richtig, die einzelnen Personen, die wohlgemerkt selbst unter heftigen Druck standen, zu kritisieren oder muss man den Modernen Fünfkampf – vor allem in Hinblick auf die Kategorie Springreiten – als Ganzes einmal kritisch beäugen?

Wie viel hat der Moderne Fünfkampf mit dem Reitsport zu tun?

Vielen Leuten war bis zum Drama um Annika Schleu gar nicht bewusst, dass Athleten:innen beim Modernen Fünfkampf auch reiten müssen und es stellt sich die Frage, inwiefern man dieses mit den olympischen (Reit-)Disziplinen Dressur, Springen oder Vielseitigkeit gleichstellen darf. Denn im Zuge der hitzigen Debatte wird nicht nur das Reiten im Modernen Fünfkampf kritisiert, sondern der Reitsport als solches. Einige Stimmen setzen Reitsport mit Tierquälerei gleich und begründen dieses unter anderem mit dem Annika-Schleu-Vorfall.

Isabell Werth, die mit ihrem Pferd Bella Rose bei den Olympischen Spielen zwei Medaillen gewann, äußert sich wie folgt dazu:

 

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Genau damit zeigt sie auf, dass das Reiten im Modernen Fünfkampf eben nicht mit dem Reitsport selbst gleichzusetzen ist. Denn wie Werth deutlich macht, übergeht das Reiten beim Modernen Fünfkampf einen essentiellen Punkt, der im Reitsport so wichtig ist: Die Bindung zwischen Mensch und Pferd, die die Faszination Reiten zum großen Teil ausmacht. Es gibt kaum eine andere Sportart, die so viel auf Vertrauen, Mut und Zusammenhalt aufbaut wie der Reitsport. Reiter und Pferd kämpfen als Team – als Team, das über Jahre zusammenwächst und gemeinsam Höhen und Tiefen erlebt.

Beim Modernen Fünfkampf haben die Athlet:innen lediglich 20 Minuten Zeit, um ein “Team” mit ihrem Pferd zu werden – es ist also praktisch unmöglich. So entsteht keinerlei Bezug zu dem Pferd und die Vierbeiner sind – wie Isabell Werth es betitelt – Transportmittel.

Sollte also die viele Kritik und die extremen Hassnachrichten, die aktuell vor allem auf Annika Scheu abzielen, nicht überdacht werden und die Disziplin Reiten im Modernen Fünfkampf hinterfragt werden?

Der Hintergrund: Reiten im Modernen Fünfkampf

Der Moderne Fünfkampf ist eine Vielseitigkeits-Sportart, die aus den Disziplinen Pistolenschießen, Degenfechten, Schwimmen, Springreiten und Querfeldeinlauf besteht. Beim Reiter müssen die Sportler:innen einen 350 bis 400 Meter langen Parcours mit 12 bis 15 Hindernissen überwinden. Die Pferde werden dabei vom Veranstalter gestellt und die Athlet:innen haben vor dem Wettkampf 20 Minuten Zeit, sich auf das Pferd einzustellen.

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1 Kommentar

Tanja 9. August 2021 - 18:20

Jemand, der sich den klaren, wenn auch völlig überholten Regeln im Fünfkampf stellt, sollte sich auch der möglichen Konsequenzen bewusst sein. Die mentale Reaktion der Reiterin zeigt mir aber, dass sie für diese Herausforderung völlig ungeeignet und überfordert war. Sie war unreif und egoistisch. Davon abgesehen ist es auch reine Tierquälerei, dass die Tiere zweimal mit fremden Reitern durch den Parcours gejagt werden. Wenn man sieht, wie nassgeschwitzt Saint Boy bereits war, ist das völlig unverantwortlich. Der war schlichtweg einfach körperlich nicht mehr in der Fassung, den Parcours zu springen und hat verzweifelt versucht, das zu vermitteln.

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